Zwischen Kyrill und Geschonneck
Seit Tagen ist die Rede von Kyrill… Man fragt nicht, wie geht es dir, sondern hast du Kyrill gut überstanden, hast du keinen Dachschaden?
Seit Tagen ist die Rede von Kyrill… Man fragt nicht, wie geht es dir, sondern hast du Kyrill gut überstanden, hast du keinen Dachschaden?
Als Slawistin denkt man bei Kyrill zunächst an Kyrill und Methodius, die Slawenapostel und ihr kyrillisches Alphabet.
Kyrill, eigentlich Konstantin, war der jüngste von sieben Brüdern. Im Alter von sieben Jahren soll er einen Traum gehabt haben, in dem der städtische Stratege vor ihm sämtliche Frauen der Stadt versammelte und ihn ersuchte, eine auszuwählen.
Konstantin wählte Sofia, die Weisheit, was seine Begeisterung fürs Wissen erklären soll. Im Alter nahm er den Namen Kyrill an. In den slawischen Ländern gilt Kyrill seitdem als der Lehrer.
Nehmen wir doch einmal die Meteorologen, die dem gestrigen Orkan den Namen Kyrill gegeben haben, beim Wort: Was lehrt er uns denn?
Dass wir so nicht weitermachen können. Dass Umsteuern angesagt ist, dass die Erde unser Verhalten, unsere Lebensweise nicht mehr hinnimmt?
Ich brauche die Stichworte Treibhauseffekt, Ressourcenverbrauch, CO2 -Ausstoß u.v.a.m. nicht zu nennen, wir kennen sie alle. Heißt das nun nur Einschränkung, Reduzierung, Maßhalten. Heißt das nicht auch Ausschau nach neuen Wegen? Gleichzeitig erleben wir, wie viele Menschen gerade aus Brandenburg, auch aus MOL, aus Ostbrandenburg weggehen, weil sie hier keine Lebensperspektiven mehr sehen. Ist nicht das Nachdenken über eine veränderte Lebensweise auch eine Chance für neue Lebensgrundlagen? Ist unser Landstrich nicht eine gute Gegend für die künftigen Energieressourcen? Sei es Raps, Mais, Wind ja wohl auch Sonne? Ist es nicht sinnvoll, mal alles zu durchforsten, was sich konkret für uns als Gemeindevertreter, aber auch jeden Einzelnen von uns an alternativen Möglichkeiten bietet?
Und gleichzeitig ist es wohl die Verantwortung von Linken – unabhängig wie, ob und wo sie organisiert sind – darüber nachzudenken, dass eine ökologisch vertretbare Lebensweise nicht eine Nische für diejenigen bleibt, die sie sich leisten können.
Pierre Bourdieu, der große französische Kultursoziologe, dokumentiert in einer seiner kleineren Arbeiten, wie die Lebensweise von den Einkommensverhältnissen abhängig ist – wer wenig hat, kauft Lebensmittel zum Sattwerden und meist von minderer Qualität. Bio-Produkte, noch dazu die mit dem Qualitätssiegel können sich viele nicht leisten. Muss nicht das ökologische Umsteuern verbunden sein mit einem sozialen Umsteuern? Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen und zu behaupten, die Alten lebten auf Kosten der Zukunft der Jungen, eine Lebensweise zu entwickeln, in der die gestiegene und ständig steigende Produktivität auch in steigende Lebensqualität fließt für alle, statt in die Dividende der Großaktionäre und in die Taschen der so genannten Spitzenmanager.
Wer in Deutschland behauptet, die Sozial- und Krankenkassen seien nicht mehr zu füllen, muss – wenn er kein Dummkopf oder Heuchler ist – sagen, wo die Erträge bleiben!
Und damit bin ich bei Geschonneck, der den kulturellen Inhalt unseres heutigen Abends bildet, und das nicht nur, weil er kürzlich 100 Jahre wurde. Er kam als Kind armer Leute mit seinen Eltern und Geschwistern im Alter von zwei Jahren aus Polen nach Berlin. 1923 aus der Arbeit bei einer Bank entlassen, schlägt er sich als Hilfsarbeiter, Hausdiener und Arbeitsloser durch. Er schließt sich der Arbeitersportbewegung Fichte an, wird Leiter des Arbeiter-Athletenbundes Berlin-Kreuzberg und bildet sich in der MASCH fort. 1929 wird er in die Parteigruppe Arkonaplatz der KPD aufgenommen. Er singt im Arbeiter-Chor Groß-Berlin, tritt mit der Agitprop-Gruppe Sturmtrupp links auf, nimmt Sprachunterricht, spielt zur Reichstagswahl im Roten Kabarett Tucholskys "älteren, leicht besoffenen Herrn".
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geht er zunächst in die Tschechoslowakei, beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die CSR taucht Geschonneck unter. Am 31.3.1939 wird er beim Versuch, über Polen nach London zu fliehen, verraten und bei Mährisch-Ostrau von der SS festgenommen. Nach Gestapo-Verhören wird er zunächst ins Polizeipräsidium in Berlin, nach Kriegsbeginn ohne Prozess ins KZ Sachsenhausen gebracht. Im März 1940 ins KZ Dachau verlegt, wird er Stubenältester, dann Blockältester. Er arbeitet aktiv in der Widerstandsorganisation des Lagers mit, versucht durch kulturelle Aktivitäten die Moral der Mithäftlinge zu stärken. Auf Vermittlung von Werner Hinz geht er im Mai 1949 nach Berlin ans Deutsche Theater, wird jedoch von Helene Weigel an das gerade entstehende (und noch im gleichen Haus spielende) Berliner Ensemble engagiert. Am 8.11.1949 hat Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" unter der Regie von Erich Engel und Brecht Premiere und Geschonneck spielt den Matti.
Ich glaube, gerade so ein Leben wie das von Erwin Geschonneck zeigt deutlich, dass linkes Engagement – abhängig von den Zeitumständen – Widerstand, Aufklärung und Entwicklung von Perspektiven in sich vereinen muss. Lassen wir uns also von Kyrill belehren und mit Geschonneck unterhalten!
Larisa Schippel
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Lektüretipp
Wir empfehlen Euch die Lektüre von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf
