Vom sinnlosen Warten
Fassen wir es doch einfach mal zusammen: Ich bin arbeitslos, wohne noch bei Mutti und hab keine Freundin. Eigentlich ein super Zeitpunkt für eine Depression...
Fassen wir es doch einfach mal zusammen: Ich bin arbeitslos, wohne noch bei Mutti und hab keine Freundin. Eigentlich ein super Zeitpunkt für eine Depression.
Aber Moment mal, ich fühle mich gar nicht schlecht. Mir geht’s gut. Ich kann immer noch lachen. Doch woher kommt dieser Widerspruch?
Die Ursache liegt darin, dass ich mich in einer neuen Lebensphase befinde, eine Lebensphase, für die unsere Gesellschaft keine Antwort parat hat. Nicht mir geht es schlecht, die Gesellschaft macht mich schlecht.
Ich hab mein Abitur, leider „nur mit 2,6“. Darauf könnte man jetzt eine Ableitung der Redewendung „zu wenig, um zu leben, zu viel, um zu sterben“ anwenden.
Also, was macht man nun mit einem Abitur. Erstmal neue Ziele stecken: Studieren. Es ist Mai, wenn man das Abitur hat, Oktober, wenn man anfängt zu studieren, frühestens. Es kann auch durchaus sein, dass man erstmal Wartesemester sammeln muss.
Doch was macht so ein wartender Abiturient, wobei mit „warten“ durchaus auch 3-4 Jahre gemeint sein können?
Er jobbt. Eine Ausbildung darf er nicht machen, denn dann sind seine Wartesemester wieder bei null. Ein Praktikum vor dem Studium ist auch schwer. Dann schaut er, dass er endlich das Nest verlässt. Das wichtigste ist immer, dass er morgens aufsteht und sich immer die Frage beantworten kann, warum er überhaupt noch aufstehen soll. Denn, wenn man mal ganz dolle ehrlich zu sich ist, ist man ja nach wie vor am warten. Nun bedeutet ja warten, dass man die Zeit mit Ablenkung überbrückt, damit man endlich das machen kann, was man will. Somit könnte man sagen, dass unser Abiturient jahrelang etwas macht, was er nicht will.
Mit Kellnern bei McDoof hält er sich am Leben, versucht aber Spaß an seiner Arbeit zu haben, wohnt in einer mickrigen Wohnung im dritten Hinterhof mit Klo im Flur, die man trotz alledem liebevoll eingerichtet bekommen hat mit Marke Eigenbau, Fernsehen/Kino/Theater ist zu teuer, lieber mit Sternburger, dann liebevoll „Sternie“ genannt, und Wolldecke in Friedrichshain mit Kumpels bei Freilichtveranstaltungen, die man untereinander organisiert hat. Wenn man gefragt wird, was man macht, antwortet man: „ich warte“.
Doch man muss sich diesen Irrsinn erst noch mal vor Augen führen: Junge, aktive Menschen, die auf kreativste Art versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben, allesamt mit der besten Ausbildung, die das deutsche Schulsystem anbietet, ausgestattet, und unsere Gesellschaft hat praktisch keine Ahnung, was sie mit ihnen anstellen soll? Nur eine Fastfoodkette, die hier nicht namentlich erwähnt werden möchte, hat Verwendung für sie? Ist das nicht traurig?
Was muss sich ändern?
Zunächst müssen Praktika vor dem Studium bedingungslos zugängig sein. Dann muss das mit diesem Ausbildungs-Wartesemester-Quatsch aufhören. Als Student verrichtet man geistige Arbeit und in seinem darauf folgenden Beruf wahrscheinlich auch. Also wäre es doch nicht falsch, seine 3 Jahre, in denen man auf sein Studium wartet, mit einer Ausbildung zu überbrücken. So bekommt man gänzlich andere Erfahrungen, packt mal mit an, erweitert seinen Horizont. Vielleicht stellt man sogar fest, dass man doch in eine ganz andere Richtung gehen möchte, lernt Leute kennen, die das Potenzial in einem erkennen und einen fördern. Das so was bei unserem Schnellimbiss von vorhin passieren könnte, bezweifle ich.
Wobei mir beim Thema „Potenzial erkennen“ der Übergang zu den Universitäten nicht schwer fällt.
Dadurch, dass man nur auf den Numerus Clausus (NC), also die Abitursnote, schaut, bzw. auf die Anzahl an Wartesemestern, wird jegliches Erkennen von Potenzial praktisch ausgeschlossen. Erstmal ist jedes Abitur unterschiedlich zu bewerten. In Bayern anders als in Berlin, in Kreuzberg anders als in Friedrichshain, von Gymnasium zu Gymnasium, aber auch von Schüler zu Schüler. Jeder hat seinen individuellen Weg bis zum Abitur durchlebt, hat seine Fähigkeiten von überall her bekommen. Doch sobald die Uni nur nach seiner Note schaut, unterstellt sie ihm, dass er kein guter Physikstudent wird, weil er schlecht in Musik, Französisch und Sport war, kein guter Sozialwissenschaftler, weil er in Chemie, Bio und Kunst keinen Zugang fand. Und manchmal, und ich lehne es ab, dass man mir da widerspricht, weil er bei Frau A. Unterricht hatte und nicht bei Frau B..
Jeglicher Individualismus wird ausgegrenzt. Man vergleicht Menschen auf eine unmenschliche Art.
Doch nun gibt es langsam Hoffnung. Lange nach der Wirtschaft, haben nun auch die Unis verstanden, dass man doch zumindest einen Test mit den Studenten durchlaufen könnte. So zum Beispiel die Freie Universität für Psychologie oder die Uni Potsdam für Englisch. In Potsdam hat man deswegen auch den NC für Englisch abgeschafft, man bekommt einen Platz, wenn man den Test besteht. An mir selbst konnte ich die Erfahrung machen, dass man anhand des Tests sehr gut meine Kenntnisse im Bereich Englisch herausfinden konnte. Ich habe den Test bestanden, mit NC hätte ich nicht Englisch studieren können, bzw. erst in 3- 4 Jahren. Leider gibt es für Politikwissenschaften noch keinen Test, und so wird auch dieses Jahr wieder jemand meinen Platz bekommen, der gut in Physik, Latein, Sport und Kunst war. Das Beispiel zeigt es klar und deutlich: Wir müssen weg von Zensuren, weg vom sinnlosen Vergleichen, hin zum Individualismus.
Man kann voraussetzen, dass man das Abitur hat, aber danach ist Schluss. Dann muss jeder Einzelne getestet werden, was er wirklich kann und was nur auf dem Papier steht. Ich habe Latinum, aber, ich gebe es ehrlich zu, kaum Ahnung von Latein, habe mich durchgemogelt. Doch die Uni sagt sich einfach, der hat so ein Papierwisch hier und das bedeutet, der kann super Latein und bevorzugt mich. Falsch, falsch, falsch!
Es muss noch so viel mehr verändert werden, auch während des Studiums oder was die Schulen mit ihrem brutalem Notensystem alles falsch machen, aber das erzähl ich euch am Besten beim nächsten Mal, ich mach mich mal lieber auf den Weg, das Problem mit der nicht vorhandenen Freundin zu lösen, denn wenigstens dabei habe ich ein gewisses Mitspracherecht und ich werde individuell betrachtet…
bis denn, der Sven.
Sven Kindervater
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