"Viele sehen nicht, was sie sehen"
Bericht der Märkischen Oderzeitung über das besondere Schaffen des Heinz Scharf: "Viele Touristen sehen nicht, was sie sehen. Wenn es uns gelingt, mehr Interesse an der Menschheitskultur zu wecken, haben wir unser Ziel erreicht."
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was berichten. Wenn zwei verreisen, noch viel mehr. Roswitha und Heinz Scharf sind, wenn sie unterwegs sind, nicht einfach nur Touristen, sondern neugierige Weltreisende. Die ihr Wissen mit anderen teilen möchten.
Heinz Scharf, heute 75, einst Ton- und Bildingenieur beim DDR-Fernsehen, ist schon vor der Wende viel verreist. Da war er im Kombinat für Nachrichtenelektronik beschäftigt. In der Abteilung Export. Von Reisen in den Ostblock, nach China und Algerien erzählt er, aber auch davon, dass er froh ist, dass die Tour nach Afghanistan in der 1980er Jahren schon nicht mehr geklappt hat. "Damals habe ich meine Liebe zur Fotografie entdeckt", sagt der Neuenhagener.
Nach der Wende hatte dann auch seine Roswitha die Chance, mitzukommen. Und die beiden haben sie genutzt. Zählen Reisen nach Fernost, Borneo, Vietnam, Indien, Thailand und in die Türkei auf.
Letztere, bekommt man den Eindruck, hat die beiden richtiggehend gepackt. Es wird aber noch etwas klar: Die Scharfs gehen nicht einfach so durchs Leben, sondern sie hinterfragen, recherchieren, knobeln. Es ist wenige Jahre her, da recherchierten beide zu der einst in Neuenhagen lebenden Johanna Solf, die gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm Verfolgte der nationalsozialistischen Rassenpolitik vor dem KZ bewahrte. Und dieses Werk auch nach dem Tod ihres Mannes fortsetzte, Juden zu Flucht und Unterschlupf verhalf.
Roswitha und Heinz Scharf haben dazu eine kleine Broschüre herausgegeben, aber auch, und darauf sind sie stolz, mit dafür gesorgt, dass eine Bronzetafel an der ehemaligen Dottivilla, dem heutigen Haus des Lernens und der Begegnung, angebracht wurde. Sie erinnert an Johanna Solf und deren Wirken.
Diese Recherchearbeit und die Erforschung des eigenen Stammbaums waren sozusagen Auftakt für weitere Recherchen der Scharfs, die im Herbst in zwei Büchern gipfelten. "Anatolien, Du Schöne" heißt das eine. "Eine Brise Istanbul" das Zweite. Als Autor wird der 75-Jährige genannt, der aber stets betont, in seiner Frau eine begeisterte Partnerin zu haben, die ihm unter die Arme greift, Korrektur liest, kritisiert und sicher auch lobt, also die Arbeit einer Lektorin übernimmt.
"Wir wollten eigentlich nach Syrien und Jordanien reisen. Aber dort war bereits der Krieg ausgebrochen", erzählt Roswitha Scharf. Also planten die Rentner kurzerhand um und bereisten die Türkei. Und was sie dort erlebten und erfuhren, hat sie so fasziniert, dass sie mehr wissen wollten. "In den Büchern stecken unsere Erlebnisse, aber auch, und das ist uns besonders wichtig, eine Hinterfragung und unsere Sicht auf die Dinge", erzählt Heinz Scharf. Er präsentiert nicht nur Sultansgeschichten, sondern geht der Frage nach, was Osmanismus eigentlich ist, und widmet sich Atatürk.
Begeistert waren die beiden von Anatolien, das, so mussten sie schmunzelnd feststellen, von einigen Lesern mit Andalusien verwechselt wird. Ein Jahr lang haben die beiden ihre Türkei-Reisen nachbereitet, weiter recherchiert, sich an Begegnungen mit Kurden erinnert. Und all das aufgeschrieben. Gewürzt mit Zeichnungen und Fotos.
Und warum machen sie sich diese unendliche Mühe? Sie könnten doch auch einfach ihre multimedialen Vorträge weiter anbieten, mit denen sie oft in der Region unterwegs waren. Kreta, Borneo, Indien, aber auch Swiebodzin haben sie in solchen Vorträgen schon vorgestellt. "Ach, das reicht nicht. Man muss zu vielen Dingen einfach mehr sagen, als in wenigen Sekunden eines Standbildes möglich sind", sagt Heinz Scharf. Deshalb sind die Bücher entstanden.
Aber auch, weil er sich mit seiner Frau darüber einig ist: "Viele Touristen sehen nicht, was sie sehen. Wenn es uns gelingt, mehr Interesse an der Menschheitskultur zu wecken, haben wir unser Ziel erreicht."
Die Scharfs, Eltern zweier erwachsener Kinder und Großeltern zweier Enkel, werden Anfang des neuen Jahres wieder für drei Wochen in die Türkei reisen. Sie sind gerade mitten in den Vorbereitungen. Dann wollen sie mit Leuten auf der Straße ins Gespräch kommen. Was sie dort hören und erfahren - die Vermutung ist groß, dass es auch darüber später ein lesenswertes Buch geben wird.
Beide Bücher gibt es unter www.fototheater-hautnahes.de: "Eine Brise Istanbul - der faszinierende Hauch byzantinischer und osmanischer Geschichte", Shaker Media GmbH 2012, ISBN 978-3-86858-898-9, 23,90 Euro und "Anatolien, Du Schöne - Die Erkundungen eines im Verborgenen blühenden Gartens", ISBN 978-3-86858-850-7, 22,90 Euro.
Dieser Artikel erschien in der Märkischen Oderzeitung vom 23.12.2012:
www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/strausberg/artikel8/dg/0/1/1078719/
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Wir empfehlen Euch die Lektüre von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf
