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Tod eines Spielplatzes oder Der vergessene Ort

Frühlingsbetrachtung von Heinz Scharf

In den ersten Frühjahren des 21. Jahrhunderts war es so schön anzusehen:

Junge Mütter mit kleinen Kindern aus dem umgrenzenden, wachsendem Wohngebiet mit Einzel- und Reihenhäusern trafen sich im umzäunten, mit grünen Büschen umgebenen Spielplatz und schauten von den einladenden Bänken um den Sandkasten und des Spielgerüstes zu, wie ihre Kleinen die Leitern erkletterten, über Rutsche in den Sand plumpsten oder versuchten, schon allein ihren Körper auf den beiden Schaukeln durch die Frühlingslüfte zu schwenken. In kleinen Holzhäusern konnten sie sich zum Spielen hinsetzen, auf eingelassenen Baumstümpfen herumhopsen oder in einem mit Hindernissen gepflasterten Irrgang Verstecken und Einkriegen spielen. Eisentore an den vier Seiten konnten verhindern, dass Radfahrer den Spielplatz als Rennstrecke oder Abkürzung nutzten.

Selbst die Kinder des damals neuen Kindergartens Rasselbande kamen hierher zum Spielen.

Die Schönheit dieser kleinen Oase sprach sich aber auch bei Heranwachsenden um, die in Neuenhagen keinen Ort fanden, um sich ungestört von Erwachsenen mit ihresgleichen am Abend zu treffen. Diese Jugendlichen forderten zunehmend die schon immer mangelhafte Polizeipräsenz zur Einhaltung von Ruhe heraus, die Sandkastenkinder mussten sich mit einem Gemisch von Sand, Glas- und Zigarettenmüll abfinden.

Die ungebremsten jugendlichen Aktivitäten fokussierten sich nicht nur auf die hölzernen Sitzbänke und die schwenkbaren Papierkörbe, sondern auch auf die damals noch in der Sonne blinkenden, zur Demontage lockenden Zaunschrauben und auf die Flügeltüren selbst, auf denen man herrlich hin- und herreiten und durch heftiges Zuknallen schönen lauten Krach machen konnte.

Die bauliche Festigkeit des Schaukel- und Klettergerüstes wurde oft getestet, sei es dass die Eltern ihre kindlichen Schaukelgefühle wieder mal erleben wollten, oder dass sich selbst überlassenen Schlüsselkinder Leitersprossen nicht nur voll Farbe schmierten sondern auch ansägten.

Die Gestelle der Bänke zu verbiegen wurde zum Sport, die herausgebrochen Latten eigneten sich prima als Schlagwaffe.

Trotz allem blühte und wuchs die Natur auf dem Platz üppig weiter.

Sie überwucherte nun die kunstvoll gepflasterten Wege, sie legte ihr Laub Jahr für Jahr und Schicht für Schicht darüber. Banklatten brauchten nicht mehr herausgebrochen werden, das Buschwerk lieferte Stöcke jeder Länge und Stärke.

Manchmal konnte man die orangenen Fahrzeuge des Bauhofes auf den Platz stehen sehen. Sie fühlten sich hier beim Frühstück in ihrem Fahrerhaus sehr wohl, bevor sie mit dem Besen den Sand wieder in den Kasten fegten.

Auch die vom Arbeitsamt bezahlten fleißigen Grünpflegerinnen, die die Spielplatzflächen von Laub, Unrat und Graswuchs säuberten, hatten einmal im Jahr ihren Arbeitswagen hier abgestellt.

Das alles war einmal.

Um die Aufwendungen zur Werterhaltung gering zu halten, baute die Verwaltung erst einmal die als Schaukel benutzten Tore ab. Als nächstes wurden die beschädigten Bänke samt Gestell ersatzlos abgebaut. Vor den Hauptzugangswegen wurden Poller errichtet, die nunmehr auch die, wenn auch seltene, Anwesenheit der Bauhoffahrzeuge zum Erliegen brachte. Das Arbeitsamt strich die Mittel für die Grünpflegerinnen, also war Laub, Dreck und Gras sicher vor jeder menschlichen Einflussnahme.

Die Wurzeln der Bäume treiben das Pflaster an manchen Stellen hervor, Pflastersteine fallen aus ihrem Verbund. Willkürlich abgeschnittenes Astwerk liegt in Haufen in den niedergetrampelten Büschen herum, Plastefetzen zieren seit Jahren wie Wimpel einige Sträucher. Die einstmals als Kletterhölzer dienenden Baumstümpfe sind verfault und zerbrochen.

Mittlerweile sind in der Umgebung des Spielplatzes neue Anlagen entstanden, die allerdings nicht für die Allgemeinheit zugänglich sind. Der Kindergarten Rasselbande und der Hort haben eigene, beaufsichtigte Spielplätze erhalten.

Die damals noch Heranwachsenden sind nun selbst Eltern geworden. Wenn sie ihre Kinder in diesen Einrichtungen unterbringen konnten, können sie sich glücklich fühlen. Dann brauchen sie sich nicht über den heruntergekommenen, verwahrlosten, zerrupften und verschmutzten Spielplatz ärgern. Sie müssen keine Sorgen haben, dass ihr Kind an den Pflasterhöckern sich den Fuß verstaucht oder sich an den Baumstümpfen Splitter einzieht. Und wenn es doch mal eine Oma mit ihren Enkelkindern zum Schaukeln hierher verschlägt, verweilt sie sowieso nicht lange in dieser sitzlosen, zerstörten Miniwelt.

Die fast Einzigen, die den Spielplatz überqueren, sind die Radfahrer und Fußgänger, die zum Bahnhof eilen oder von ihm kommen und dabei weder rechts noch links gucken. Neulich fuhr mich auf dem Spielplatz fast einer um und beschwerte sich mürrisch, dass ich ihm im Weg stehe.

Unverständlich, dass die Verwaltung im vorigen Jahr anstelle der demontierten beiden Tore wieder neue einsetzen ließ. Die schließen sowieso nicht richtig und stehen ständig offen, damit die Radfahrer eben schneller durchfahren können.

Wären ein Abriss der ganzen Sache und ihre Einebnung nicht folgerichtig? Sowohl aus demographischer als ökonomischer Sicht? Oder privatisieren? Ein Betreiber würde sich doch finden lassen?

Schon 2010 und wiederholt im März 2011 haben besorgte Bürger den Leiter des Ordnungsamtes Neuenhagen und seinen Mitarbeiter bei Ortsterminen auf diese Zustände aufmerksam gemacht.

Begeisterung lösten sie nicht gerade bei den Angestellten aus. Was können die auch machen?

Die der Gemeinde 2009 verliehene Auszeichnung „Familien- und Kinderfreundliche Gemeinde“ erhält durch diesen Spielplatz einen schalen Aspekt. Besonders wenn die Vorbereitungen zum Tag der Familie am 28. Mai 2011 sich ausschließlich auf das „Haus der Senioren und das „Haus der Begegnungen“ beziehen, wie in der Presse verkündet worden ist.

Beweist das nicht, dass dieser einstmals schöne Platz im Herzen des Wohngebietes Gruscheweg von der Verwaltung abgeschrieben und vergessen worden ist?

Heinz Scharf


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Lektüretipp

Wir empfehlen Euch die Lektüre  von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf