Neuenhagen gedenkt der Befreiung + Kommentar
Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, kamen Bürgerinnen und Bürger zusammen, um gegen das Vergessen zu erinnern und sich Auswirkungen und den aktuellen Debatten zu widmen.
Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, kamen Bürgerinnen und Bürger zusammen, um gegen das Vergessen zu erinnern und sich Auswirkungen und den aktuellen Debatten zu widmen.
Gemeinsam begingen die Gemeinden Hoppegarten und Neuenhagen eine Feierstunde anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung, was (nicht ungewollt) eine kleine eigene Symbolik hatte. Die Gruppe „MachArt“, die beim Hönower Bürger-Verein angedockt ist, hatte in die Bibliothek Neuenhagen eingeladen und viele waren am späten Freitagabend diesem Ruf auch gefolgt.
Zu Beginn leiteten die Initiatoren in den Abend ein, der nicht nur Erinnern und Mahnen sollte, sondern vor allem zum Ziel hatte, sich dessen bewusst zu machen, was auch heute noch aktuell ist. So stimmte der Schauspieler Ulrich Voß mit seiner sonoren Stimme mit Gedichten wie Paul Celans „Todesfuge“ und Goethes „Vor dem Tore“ (Osterspaziergang) ein, die ihre Wirkmacht eben nicht durch ihre Bekanntheit eingebüßt haben und vor allem durch ihre Zeitlosigkeit verdeutlichten: Das Dritte Reich ist eben nicht vom Himmel gefallen, Deutschland wurde nicht verführt und bestand eben nicht aus einem Meer an Unschuldigen, wie es wohl auch manch Schüler dieser Tage zu glauben scheint. Auch in Neuenhagen wählten 1933 über 40% NSDAP. Die Wurzeln des Faschismus kamen aus den von einer großen Masse geteilten politischen Überzeugungen der Menschen selbst. Überzeugungen, die es lange zuvor schon gab und die es heute noch gibt. Es war also besonders wertvoll, den Tag der Befreiung zu nutzen.
Frau Dr. Else Ackermann, eine der letzten noch lebenden Zeitzeuginnen aus Neuenhagen, berichtete eben dann auch verstärkt aus ihrer Erfahrung nach dem Kriege und von dem schwierigen Prozess der Aufarbeitung. Sie tat das gewohnt leidenschaftlich, mit betont eigener Sichtweise und wie immer nicht wenig Kritik. Sie leitete damit auch über zum Hauptteil des Abends, dem Film „Der Einzelkämpfer. Richter Heinz Düx.“, ein Portrait über einen Mann, der sich Zeitlebens im Namen des Volkes der Aufarbeitung und Entschädigung von Opfern gewidmet hat. Ein Mann, der sich all die Jahre nach dem Krieg umgeben sah von Alt-Nazis und ihnen ideologisch Verbundenen, der eine große Wut auf alles „Bürgerliche“ hatte und der eben genau so in die Rolle des Einzelkämpfers geriet, während zur gleichen Zeit ehemalige NS-Richter Kommunisten verurteilten, einfach weil sie Kommunisten waren. Er pflegte Kontakte zu Wolfgang Abendroth und hatte kein Problem damit, sich alternativem Denken zu öffnen. Aber er war eben kein Politiker, sondern arbeitete akribisch den Berg ab, den nur wenige anfassen wollten und der bis heute kaum spürbar abgetragen ist. Denn nur bei einem Bruchteil kam es zu Verurteilungen.
Aus diesen Justiz-Akten machten Voß und Ackermann dann lebendige Schicksale, als sie in Texten und durch Erzählungen einige der Millionen Geschichten den Anwesenden nahe brachten. 70 Jahre nach der Befreiung wurde so erinnert, dass es nicht nur um das Gestern ging, sondern auch um das Heute und vor allem das Morgen. Wer nicht erinnert, macht sich mitschuldig. Wir danken für diese bewegende Veranstaltung.
Kommentare
Wir bedanken uns für diese interessanten, von großem Einfühlungsvermögen geschriebenen Zeilen, die viele Mitbürger unserer Gemeinden zum Gedenken und Nachdenken aufrufen sollten.
Dr. Gabriele Stolze
Es ist ein gutes Gefühl durch Ihren Beitrag zu erfahren, dass sich eine solche ehrenamtliche Veranstaltung mit nicht ungwollter Symbolik, wie Sie richtig erkannt haben, über die Gemeindegrenzen hinweg, gelohnt hat. Das motiviert mich persönlich, weiter zu machen...
Herzliche Grüße
Raymund Stolze
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Lektüretipp
Wir empfehlen Euch die Lektüre von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf
