Landrat will privates Gymnasium als Konkurrenz zu Einsteins
Gestern lud die SPD zu einem Gespräch mit dem Landrat Gernot Schmidt zum Einstein-Gymnasium. Dieser gab tiefe Einblicke in die Motive seiner Politik und wusste zu überraschen: Statt hier zu investieren, will er Bildung in der Region stärker Privaten überlassen. Über Bildungspolitik als zweckentfremdetes Instrument berichtet Sven Kindervater.
Gestern lud die SPD zu einem Gespräch mit dem Landrat Gernot Schmidt zum Einstein-Gymnasium. Dieser gab tiefe Einblicke in die Motive seiner Politik und wusste zu überraschen: Statt hier zu investieren, will er Bildung in der Region stärker Privaten überlassen. Die Gründe dafür: Neuenhagen soll um jeden Preis das Gymnasium behalten können, damit es als Mittelzentrum gestärkt wird. Über Bildungspolitik als zweckentfremdetes Instrument für fragliche Stadtentwicklung berichtet Sven Kindervater.
Hintergründe zur bisherigen Debatte um das Einstein-Gymnasium finden Sie hier und hier.
Die Messen schienen gesungen, Fakten bereits geschaffen, Diskussionen für beendet erklärt. Dennoch kam Landrat Gernot Schmidt am vergangenen Montag nach Neuenhagen, um über die Zukunft des Einstein-Gymnasiums zu reden. Doch die Hoffnung, auf einen offenen Meinungsaustausch zu treffen, wurde schnell im Keim erstickt. Schmidt war gekommen, um zu rechtfertigen. Weite Teile sah er mit verschränkten Armen und misstrauischem Blick in die Runde, auf jede Frage, jede Anregung, jeden Hinweis wusste er eine Ausflucht oder ein Stöhnen zu platzieren, fiel ins Wort. Der Plan des Kreises, am jetzigen Standort zu erweitern, schien in Stein gemeißelt. Dabei hätte sich das Zuhören gelohnt.
Wunsch nach einer guten Schule vor Ort
Auch wenn es eine Kreistagsabgeordnete der FDP versuchte: Eltern einen Vorwurf zu machen, sie und ihre Kinder müssten ja nicht das Einstein-Gymnasium anwählen, wenn es ihnen dort nicht gefiele, entbehrt jeder Grundlage. Eine Mach-doch-rüber-Diskussion ist respektlos. Eltern und Kinder haben ein Recht auf eine gute und wohnortnahe Schule. Vor allem, wenn diese möglich ist.
Dabei ist der Bedarf nach tiefgreifenden Maßnahmen klar zu erkennen. Jetzt schon muss das Gymnasium Schüler abweisen, obwohl diese eine Empfehlung ihrer Grundschule für ein Gymnasium haben – der Wunsch, hier sein Abitur schreiben zu können, ist stärker als man derzeit Platz hat. Dazu haben die Gemeinden Neuenhagen und Hoppegarten in den vergangenen Jahren nicht weniger als sechs neue Kitas gebaut. Es sollte wenig überraschen, dass deren Kita-Kinder eines Tages die Grundschule verlassen werden. Und sollten das die Statistiken des Kreises nicht hergeben, was jeder mit bloßem Auge erkennen kann, sind nicht aufgewühlt Bürger abzuwürgen, Herr Landrat. Vielmehr sollte der ein oder andere Rechenjongleur in der Kreisverwaltung seine Methoden hinterfragt bekommen.
Der Landrat sieht vielmehr bei eventuellem Platzmangel einen Ausbau des Gymnasiums Rüdersdorf für eine Option. Sicher ist das Gymnasium dort in einem exzellenten Zustand und hat nicht nur einen guten Ruf, sondern leistet auch wirklich enorme Arbeit. Jedoch wäre die Anreise aus Neuenhagen und Hoppegarten nicht gerade kurz. Da überrascht die Aussage des Landrats, dass man im ländlichen Raum eben längere Wege akzeptieren müsste. Nun, im Speckgürtel von Berlin leben derzeit 30% aller Brandenburgerinnen und Brandenburger. Diejenigen, welche die starken Geburtenjahrgänge der letzten Jahre wahrnehmen, gehen davon aus, dass es in 20 Jahren stolze 50% sind. Und nein, das ist nicht Oderbruch-Feindlichkeit, es soll lediglich darlegen: Hier bei uns vom ländlichen Raum zu sprechen, zeugt von purer Unkenntnis. Eine gute Schule vor Ort ist keine Luxusdebatte!
Debatte um gymnasiale Oberstufe
Es sollte bekannt sein, dass DIE LINKE das Konzept einer Gemeinschaftsschule bevorzugt. Es sollte aber auch bekannt sein, dass Rot-Rot, anders als in Berlin, diese bis zum heutigen Tag nicht eingeführt hat. Das liegt schlichtweg daran, dass der Wunsch in der Bevölkerung nach Gymnasien ab Klasse 7 enorm groß ist. Wir müssen das politisch nicht teilen, aber wir können es akzeptieren.
Allerdings gibt es ein ähnliches Konzept: Eine gymnasiale Oberstufe an den Oberschulen mit einem Grundschulteil. Zufällig steht genau davon eine in Hoppegarten. Die dortige Leneé-Schule ermöglicht es, von Klasse 1 bis 10 gemeinsam zu lernen. Es fehlt einzig eine gymnasiale Oberstufe, um das Abitur auch vor Ort ablegen zu können. Dabei hatte man diese dort schon einmal, doch sie scheiterte. Woran, konnte nicht einmal gestern Abend genau geklärt werden: Der Landrat sprach von zu geringer Anwahl, ein Vater widersprach umgehend.
Fakt ist: Als die gymnasiale Oberstufe in Hoppegarten abgeschafft wurde, erlebten die Schulen gerade die Auswirkungen des Geburtenknicks Anfang der 90er. Auch in Berlin schloss man damals weiterführende Schulen, schickte Lehrer an die damals überfüllten Grundschulen und erlebt nun heute einen Mangel an Plätzen für ältere Schüler. Damals ist also nicht nur in Hoppegraten vorschnell gehandelt worden. Nichts hindert die Politik jedoch, jetzt Fehler einzugestehen und zu handeln. Gestern war eine Möglichkeit, sich dieser Fehler bewusst zu machen. Allein den Landrat schien nichts davon zu beeindrucken. Vielmehr wartete er mit einer faustdicken Überraschung auf.
Private Schule soll Konkurrenz auslösen
Wer dieser Tage durch Hoppegarten fährt, sieht auf vielen Plakaten zur Kommunalwahl eine Forderung nach einem lokalen Gymnasium. Vielen Akteuren ist das Handeln des Landrats bewusst, weswegen offen über Pläne der Ansiedelung eines Gymnasiums mit privatem Träger gesprochen wird. Natürlich würde dieser Schulgeld verlangen können, natürlich stünde er finanziell auf einer ganz anderen Stufe, wie die staatlichen Schulen. Doch hier überraschte der Landrat mit einer sehr eigenen Einschätzung:
Eine private Schule könnte doch für eine nötige Konkurrenz sorgen. Er kenne da einige Beispiele. Er will also nicht Geld aus Steuern investieren, sondern einen aussichtlosen Kampf der staatlichen Schulen mit privaten Trägern auslösen. Wie dieser aussieht, konnten wir schon im vergangenen Jahr erleben: Die Streetball-Anlage am Einstein-Gymnasium beruht einzig und allein auf Spenden und dem eigenen Anpacken der Eltern- und Lehrerschaft. Was im Unterricht also schon Alltag ist, nämlich dass viele Lehrer privat in Unterrichtsmaterial investieren, soll sich dann also auf die gesamte Schule ausweiten? Immer unter dem Druck, sonst nur die zu bekommen, die es auf das Private nicht geschafft haben?
Eine Politik, wo der Staat seinem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommt und dafür Verantwortung auf Private überträgt, lehnen wir entschieden ab. Ergänzungen wie durch den IB in Neuenhagen können durchaus sinnvoll sein. Ersetzungen, wie jetzt für Hoppegarten angedacht sind, gehen aber in die vollkommen falsche Richtung. Milliarden werden jährlich von Eltern in Nachhilfe investiert, viele Nachmittagsaktivitäten müssen bezahlt werden, so wie auch Klassenfahrten und jetzt in Neuenhagen sogar schon der Schwimmunterricht. Das allein ist schon ein Skandal. Dem nun noch eins draufzusetzen, weil man sich selber der Verantwortung entziehen will, ist blanker Hohn. Natürlich stimmt es, dass keine private Schule in Brandenburg Schüler abweisen darf, wenn sich Eltern das dann zu zahlende Schulgeld nicht leisten können. Aber um die geht es doch gar nicht. Es geht um den Mittelstand, welcher den breiten Teil der Bevölkerung unserer Region ausmacht. Es geht darum, dass erneut die belastet werden sollen, die zu viel fürs Sozialamt haben und zu wenig für die großen Träume. Die, bei denen der Staat schon überproportional Steuern eintreibt. Und von diesen Steuern soll nun nicht das an das Einstein fließen, was dort bitter nötig ist?
Der Landrat weiß unlängst, dass er ins Einstein deutlich stärker investieren muss, einzig zahlen sollen das wohl andere. Doch nach und nach wurde ein noch viel entscheidender Beweggrund deutlich.
Bildungspolitik soll Mittelzentrum dienen
Als der Landrat nämlich in den Saal rief, dass man einen Neubau in Hoppegarten grundsätzlich ablehne, kam es zu lautem Protest. Nach den Gründen gefragt, antwortete er mit einer abenteuerlichen Argumentation: Fredersdorf-Vogelsdorf und Hoppegarten könnten sich nicht so entwickeln wie Neuenhagen. Man wolle Neuenhagen als Mittelzentrum stärken und dazu gehört eben auch, dass das Gymnasium genau dort sei und nicht woanders. Eine Verlagerung des Gymnasiums stünde deshalb schlichtweg nicht zur Debatte.
Man muss sich das jetzt mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine vernünftige Bildungspolitik stünde der Stadtentwicklung Neuenhagens im Weg und wird deshalb gar nicht erst geprüft? Es muss sich keiner wundern, dass an der Stelle Bürgermeister Henze, ehemals von der SPD aufgestellt, dann seinen großen Auftritt hatte. „Man solle nicht immer alles in Frage stellen, man kann nicht ewig diskutieren“, wusste er zu belehren. Der Landrat, SPD-Mitglied, stieg darauf sofort ein: Er wolle jetzt liefern, habe Maßnahmen versprochen und wenn er sagt, es wird gebaut, dann wird auch gebaut. Das sei schon immer so gewesen.
Dabei war die Gesprächsgrundlage, wie anwesende Mitglieder des Kreis-Bauausschusses bestätigten, nicht mehr als eine dürftige Zeichnung. Es gibt bis heute kein Raumkonzept. Diese soll im September vorgestellt werden. Dann legte der Landrat noch eine Packung oben drauf: Sollte der Umbau in einiger Zeit nicht reichen, dann könne man auch den Altbau, das ehemalige Sanatorium, abreißen und dort neu bauen. Moment! Ja, Sie haben richtig gehört: Es wäre Geld dafür da, laut dem Landrat gestern auch 5 oder auch 7 Millionen (ja, die Zahlen hat er genannt!), ein altes Gebäude abzureißen und einen mehrstöckigen Bau zu errichten. Wurde nicht seitens Henze und Weiteren argumentiert, einen mehrstöckigen Neubau in Hoppegarten zu errichten sei aber zu teuer? Sind Baukosten in Hoppegarten andere als in Neuenhagen? Was für ein Schildbürgerstreich soll hier gespielt werden?
Was hat das mit den Bedingungen für Schüler und Lehrer zu tun, welche Eltern profitieren von so einer Sichtweise? Am Einstein soll also deshalb wohl noch auf Jahre herumgewerkelt werden, damit sich Neuenhagen entwickelt, wie es aus Sicht des Landrats für Hoppegarten und Fredersdorf-Vogelsdorf nicht möglich sein soll. Muss ich ernsthaft erwähnen, welche Parteibücher die dortigen Bürgermeister haben? Hier wird Bildungspolitik für die Interessen eines einzelnen Bürgermeisters zweckentfremdet. Der Landrat ergänzte gar noch um eine Frage: Wer im Saal sei gegen Neuenhagen? Als wenn man für oder gegen einen Ort sein kann, wenn es doch um das Für und Wider eines Schulkonzeptes geht. Aber anscheinend gilt auch hier: Bist du nicht dafür, bist du ein unpatriotischer Feind.
Es sollte nicht verwundern, dass Henze keine Probleme im Vorschlag der FDP sah, die Fallada-Grundschule neu zu bauen und deren jetzige Räumlichkeiten Einsteins zur Verfügung zu stellen. Er weiß zwar, dass dies auf Jahre finanziell nicht im Ansatz zu leisten ist, aber alles muss jetzt dem Zwecke dienen, dass sein Mittelzentrum das Gymnasium behält. Erneut scheint das Mittelzentrum die entscheidende Bremse für eine kluge Politik in unserer Region.
Debatte verlangt nach Bürgerprotest
Sicher könnte man jetzt noch viel mehr schreiben. Zum Beispiel, dass argumentiert wurde, der S-Bahn-Lärm sei auf dem KWO-Gelände zu laut (was Neuenhagen nicht hindert, seine Bibliothek direkt neben den Bahnübergang zu bauen und eine Fläche für eine Schule im Gruscheweg direkt an der Autobahn vorzuhalten) oder dass es eine neue Schreckenszahl gibt, nämlich 64 Mio €, welche Neuenhagens Partnergemeinde Grünwald derzeit in ein neues Gymnasium investiert (sei aber vielleicht eine Luxusvariante, meinte Henze lächelnd). Doch irgendwann muss auch dieser Artikel ein Ende finden.
Ich bin maßlos enttäuscht (hat man vielleicht gemerkt) über einen Landrat, der Bildungspolitik für Stadtentwicklung zweckentfremdet und für Kritik nur Ausflüchte und Abblocken kennt. Eltern, Lehrer und vor allem Schüler haben ein würdiges Gymnasium verdient. Hier, wo sie leben. Hier, wo sie Steuern zahlen. Hier, wo sie sich engagieren. Dieses Engagement muss jetzt fortgesetzt werden. Mag für den Landrat schon alles gegessen sein – aus meiner Sicht hat die Debatte erst gerade so richtig begonnen. Packen wir es gemeinsam an!
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Lektüretipp
Wir empfehlen Euch die Lektüre von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf
