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Sven Kindervater

Kein Mindestlohn bei MOZ und Neuenhagener Echo?

Die ARD berichtete am Montag über Tricksereien beim MOZ-Verlag bezüglich des Mindestlohns bei den Zustellern. Statt aber ein „Siehste!“ zu raunen, haben wir dort einfach mal angerufen. Und irgendwie blieb vom Skandal beim Gebührenfernsehen nicht mehr viel übrig.

Die ARD berichtete am Montag über Tricksereien beim MOZ-Verlag bezüglich des Mindestlohns bei den Zustellern. Statt aber ein „Siehste!“ zu raunen, haben wir dort einfach mal angerufen. Und irgendwie blieb vom Skandal beim Gebührenfernsehen nicht mehr viel übrig.

 

Manchmal möchte man der Presse auch als Linker einfach glauben. Lange haben wir für den Mindestlohn gekämpft. Dass dieser nun mit allen Mitteln von Seiten der Bundesregierung aber auch von einzelnen Arbeitgebern umgangen werden soll, wurde unserseits dieser Tage auch befürchtet. Umso mehr sieht man sich bestätigt, wenn die ARD das berichtet.

 

Schwere Vorwürfe an den Verlag

Seit Montag dieser Woche sieht sich die Märkisches Verlags- und Druckhaus GmbH & Co. KG, welche in Neuenhagen für die Märkische Oderzeitung (MOZ) und das Neuenhagener Echo zuständig sind, mit einem ernst zu nehmendem Vorwurf konfrontiert: Die ARD berichtet in ihrem Morgenmagazin, dass der Verlag seinen Zustellern über die verlagseigene Firma, der Pressezustellservice Barnim GmbH (PZB), nicht den seit 01.01.2015 geltenden Mindestlohn zahlt.

Hintergrund sind neue Arbeitsverträge, die seit dem neuen Jahr gelten. Die ARD wirft der PZB vor zu tricksen, indem sie sich durch eine neu eingeführte sekundengenaue Abrechnung zu den 8,50€ durchmogele. Der im Beitrag gezeigte Angestellte von PZB aus Neuenhagen bei Berlin erklärt, dass er für seine Strecke nur noch eine knappe dreiviertel Stunde bezahlt bekommt, statt volle drei Stunden im alten Arbeitsvertrag.

 

Erste Unstimmigkeiten

Im Beitrag geht die Journalistin dann nach Strausberg und sucht nach der PZB an einem Seiteneingang der Lokalredaktion der MOZ – Dabei hätten einem bereits hier erste Zweifel kommen können: Erst einmal hat die Lokalredaktion nichts mit der Zustellung konkret zu tun. Aber selbst das hätte doch niemanden daran hindern müssen, einfach mal bei jener zu klingeln. Dass keine Klingel explizit für die PZB zu finden war, könnte ja damit zu tun haben, dass der MOZ bis heute eine gemeinsame gereicht hat?

Doch der Beitrag geht weiter und die junge Außenmoderatorin ruft bei der PZB an, welche keine Auskunft geben mag und harsch auflegt. Da hat einer was zu verbergen, denkt man sich da. Umrahmt wird der Beitrag dann noch durch eine Reise durch Berlin, wo man zwar keinen Missbrauch konkret findet, aber zumindest von welchen zu berichten weiß.

 

Ein einfacher Schritt

Nun könnte man also sehr wütend seine Abos abbestellen und das Rathaus auffordern, das Ortsblatt etwa wie in Hoppegarten nicht mehr über die MOZ laufen zu lassen. Doch könnte man zuvor noch einen Schritt tun: Einfach mal bei der MOZ anrufen.

Ich habe das getan und anscheinend liegen in mir magische Kräfte verborgen, damit mir gelingt, was dem Staatsfernsehen offenkundig nicht möglich war: Ich habe bei Herrn Klementz in Strausberg angerufen, dem Redaktionsleiter dort, welcher mir erklärte, dass sie nicht für die PZB zuständig sind und dass man sich an die Geschäftsführung wenden müsste. Auch sagte er mir, dass es ihn schon wundert, dass man vor der Tür verharrte und nicht einfach eintrat. Nach nur 2 weiteren Minuten hatte ich das Sekretariat von Herrn Simmet am Telefon, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung des Verlages. Er war in einer Beratung. Keine 20min später rief er mich zurück.

 

Skat mit Uli Hoeneß

Er begann das Gespräch mit einem wirklich schönen Satz: "Glauben Sie mir, ich habe keine Lust, bald mit Uli Hoeneß Skat zu spielen!" Natürlich zahle man den Mindestlohn, alles andere wäre eine Straftat. Bei ihm klang der Sachverhalt dann so: Es gibt natürlich neue Verträge, weil es ja auch mehr Lohn gibt und dieser ganz neu berechnet werden muss. Früher wurde pro Zeitung abgerechnet, heute muss man nach Zeit nachweisen, wie man auf die 8,50€/h kommt. So hat man sich an das gehalten, was der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. (BDVZ) ausgearbeitet hat. Dieses Verfahren findet sich bundesweit und eben nicht nur bei der MOZ. Aber vielleicht wollte die ARD lieber nicht auf die FAZ schimpfen. Dabei gibt es mehrere Berechnungen für die verschiedenen Wege: Eine Rüstzeit, eine Wegezeit (gemessen von der Straßenmitte) und eben dann die besagte Steckzeit. Letztere sind die im Film erwähnten 6,5 Sekunden, der Weg zum Briefkasten ist aber eben in der Wegezeit enthalten. So stellen sich die Berechnungen des Zustellers, welcher nur die Steckzeit hochrechnete, als vollkommen falsch dar.

Nun mag man meinen, dass das ja viel zu streng sei und unmenschlich. Fakt ist aber: Der Mindestlohn bedingt, dass nun pro Stunde und nicht mehr pro Zeitung abgerechnet wird. Auch wurde er nicht erfunden, damit Zeitungsverlage künftig gar nicht mehr aufs Geld schauen brauchen. Er ist ein arbeitspolitisches Instrument für eine Untergrenze bei Löhnen, um die Rechte und soziale Stellung von Arbeitnehmern zu stärken. Das hat er auch hier getan. Der Verlag hat mehrere Millionen an Mehrkosten seit der Einführung des Mindestlohns. Das betreffen auch die Logistik, der Versand und eben die Zustellung. So bekommen etwa polnische Studenten, welche man in Frankfurt/Oder vorzugsweise im Versand einsetzt, nun auch den Mindestlohn. Herr Simmet betonte, dass sich auch die Löhne der Zusteller verbessert hätten. Ebenso betonte er, dass er nichts gegen den Mindestlohn habe, er nun dennoch einfach Folgen hat. Er stimmte mir zu, dass es gut ist, dass zu geringe Löhne nun nicht mehr über den Staat subventioniert werden müssten.

 

Kritik an richtiger Stelle

MOZ und Echo haben zum Jahresbeginn eine Preiserhöhung erfahren, die aber laut Simmet noch keine Auswirkung aufgrund des Mindestlohns sind. Dies könnte erst im Verlaufe des Jahres nötig werden, wobei man noch abwäge, da man dadurch auch Leserschwund befürchtet. Der Zusteller aus dem Beitrag war im Übrigen auf Probezeit und wurde auf seine Rechenfehler mehrfach hingewiesen, was ihn aber offenkundig nicht überzeugte. Auch in anderen Fällen von Unzufriedenheit bei Zustellern würde man immer das direkte Gespräch suchen und individuell Lösungen finden. Zusteller seien rar gesäht, ergänzt Simmet: „Für den Job muss man erst mal einen finden!“ Weitere Kündigungen aufgrund der neuen Verträge seien ihm nicht bekannt. Bei Fehlern würde man natürlich korrigieren, bekräftigte er,  „aber glauben Sie mir, der Zoll kontrolliert sehr genau, tricksen tut hier keiner!“

Vielleicht sollte man also statt der Sensation doch das nächste Mal als Gebührenfernsehen auch einfach zum Hörer greifen*, auch wenn dadurch die erhoffte Story nicht mehr funktioniert. Vielleicht sollte man auch nicht immer alles glauben, nur weil man es unbedingt glauben will. Dass ein Verlag auf seine Zahlen gucken muss und gerade Zusteller nicht besonders viel verdienen, war auch vor dem Mindestlohn so. Jetzt ist dem eine Lohnuntergrenze gesetzt, die eingehalten wird und zwar nach bundesweiten Standards. Genau das war auch der Sinn der Übung. Dass sich der Mindeststandard noch verbessern darf und es generell mehr gewerkschaftliche Aktivitäten statt Neiddebatte der prekär Beschäftigten braucht, bleibt unbestritten. Wer aber will, dass ein Verlag nicht mehr so genau nach dem Geld schauen soll, argumentiert scharf am Rande für ein anderes Wirtschaftssystem. Das ist ebenso legitim, aber dafür haben wir Linke auch einen Spruch: Bekämpfe das System und nicht den Akteur! Vielleicht wäre ja manch Verleger auch nicht unglücklich darüber, nicht so stark auf Zahlen gucken zu müssen.


*Nebenbei darf die ARD auch mal Geschichtslehrern anrufen, dann kann man auch der Behauptung widersprechen, Stalin sei in Deutschland eingefallen.


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Lektüretipp

Wir empfehlen Euch die Lektüre  von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf