Der Neuenhagener Weg (+audio) +4 Kommentare
Die Debatte um die Eisenbahnstraße erhitzt die Gemüter. Nachdem nun vorgestellt wurde, was derzeit vorstellbar ist, rücken nachwirkende Entscheidungen näher. Dabei zeigt sich: So wirklich überzeugend ist nur die Variante, dass die Gemeinde selbst baut. Warum das nur konsequent wäre, schreibt Sven Kindervater.
Die Debatte um die Eisenbahnstraße erhitzt die Gemüter. Nachdem nun vorgestellt wurde, was derzeit vorstellbar ist, rücken nachwirkende Entscheidungen näher. Dabei zeigt sich: So wirklich überzeugend ist nur die Variante, dass die Gemeinde selbst baut. Warum das nur konsequent wäre, schreibt Sven Kindervater.
Standard ist hier nichts. Die Debatte um die Entwicklung der Eisenbahnstraße entpuppt sich, desto tiefer man einsteigt, als hochgradig komplex und weitreichend für die Entwicklung Neuenhagens. Es handelt sich um ein Bauvorhaben, das weder isoliert noch nach Schema F behandelt werden kann. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass kaum eine Diskussion den Ort 2015 derartig belebt.
Ausschuss mal anders
Voll war das Bürgerhaus, als vergangenen Montag der Umwelt-, Bau- und Ortsentwicklungsausschuss (UBOA) tagte. Nötig wurde die Sitzung, weil sich nach einem Interessenbekundungsverfahren niemand finden ließ, der nach Vorstellungen der Neuenhagener bauen wollte. So wollte man zumindest hören, was anderen vorschwebte.
Etwas merkwürdig mutete es an, als die wenigen Ausschussmitglieder umrahmt von hunderten interessierter Einwohner in der Mitte des Raumes Platz nahmen. Auch hatten nur sie an dem Tag Rederecht, so sieht es die Kommunalverfassung vor. Obwohl man also schon häufiger im Bürgerhaus zu dem Thema tagte, war diesmal alles ein wenig anders.
Auch der Ausschuss an sich verlief etwas anders. De facto gab es nur zwei Tagesordnungspunkte: Vorstellungen von Ideen und eine anschließende Aussprache. Gemeldet hatten sich dazu drei Investoren und eine Bürgerin. Das waren die Firmen R.G. Lehmann & Co. aus Erfurt, RENTAmed aus Wriezen, Holst City Projekte GmbH & Co. KG aus Berlin und Frau Dagmar Schultz, welche Fraktionsvorsitzende der Parteilosen ist. Während sich Letztere auf das gesamte Gebiet bezog, beließen es die Investoren bei Bauvorhaben auf das sogenannte Filetgrundstück im vorderen Bereich. Alle drei wollten das alte Eisenbahnergebäude sanieren, beließen aber den Bereich direkt am Bahnhof vollkommen außen vor.
Drogeriemarkt und fehlender Gesamtblick
Der Vertreter von R.G. Lehmann & Co. unterstrich zunächst, dass sein Unternehmen spezialisiert sei auf den Bau von Einkaufsmärkten. So legte er auch zwei Entwürfe in einer recht knappen Präsentation vor, die einen Drogeriemarkt oder einen Drogeriemarkt und einen weiteren Großmarkt vorsahen. Geschätzte 3,5 Mio € wolle man investieren.
Der Vertreter der RENTAmed machte seinem Namen alle Ehre und stellte sich als Bauherr von Ärztehäusern vor. Ein ebensolches hat er auch für Neuenhagen im Sinn. Eine Besonderheit: Auch er räumte im Erdgeschoss die Möglichkeit eines Drogeriemarktes ein. Er stellte eine Investition von bis zu 6 Mio € in Aussicht, allerdings auch eine Projektverlaufszeit von 3-5 Jahren.
Der Vertreter der Holst City Projekte GmbH & Co. KG, den meisten im Ort bekannt als der Vermieter des REWEs, sah ebenso einen Drogeriemarkt vor und umrahmte ihn mit Büroräumen.
Frau Schultz vertrat eine Variante, für die erst noch ein Investor gefunden werden müsste. In ihrem sehr überzeugenden Vortrag, den sie <media 53200 - download "Leitet Dateidownload ein">hier</media> nachlesen können, machte sie auf Zusammenhänge aufmerksam. Da eine Zusammenfassung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, lege ich Ihnen die Präsentation wirklich ans Herz. Im Endeffekt forderte sie kleine Gebäude mit sogenanntem kleinteiligem Gewerbe, also kleinen Geschäften und viel Grün. Als Einzige bekam sie Applaus aus der Bürgerschaft. Auch die MOZ fasste zusammen, dass ihr Vortrag am ehesten überzeugte. Dabei war ursprünglich gar nicht vorgesehen, dass ihre Vorschläge überhaupt noch einmal präsentiert werden sollten.
Tatsachen und weitere Tatsachen
Die Verwaltung hatte angedeutet, nachdem das Interessensbekundungsverfahren gescheitert war, nun noch einmal mit Investoren über deren Ideen zu reden. Diese allein sollten dann dem Ausschuss präsentiert werden. Nachdem man seit 1999 über die Entwicklungen auf diesem Grundstück redet, möchte Bürgermeister Henze noch vor seinem Ausscheiden 2018 Tatsachen schaffen. Das ist verständlich. Was allerdings nicht verständlich ist: Warum machte man den Investoren überhaupt Hoffnungen?
Es fällt auf, dass alle drei einen Drogeriemarkt vorsahen. Die Eisenbahnstraße ist eine Einbahnstraße, das wird sich auch nicht ändern lassen. Und auch wenn es mir am Computer dieser Tage bei „Cities: Skylines“ sehr viel Spaß bereitet, Häuser einzureißen und Straßen neu und breiter zu verlegen, haben wir in der Realität diese Möglichkeit nicht. Jedes Auto, was in die Eisenbahnstraße einbiegt, muss in die Hauptstraße münden. Das ist jetzt bereits nicht ganz einfach. Doch was, wenn durch den neuen Gruscheweg noch mehr Autos in den Ort ziehen? Was ist, wenn die Schranken doppelt so oft schließen, da die S-Bahn nach wie vor den 10-Minuten-Takt anstrebt? Und wie sieht es aus, wenn wir statt zwei Schlecker künftig einen Rossmann für alle haben, wie es Holst vorsieht?
Das Auto der Zukunft
Nun wurde gesagt, dass sich in Zukunft der Autoverkehr eher verringern wird. Immer weniger würden einen Führerschein machen, das Fahrrad wäre wieder im Kommen. Ich habe das erst einmal zur Kenntnis genommen und einen guten Freund angerufen, welcher bei einem der größten deutschen Autobauer in den Managementetagen hockt. Damit ihm sein Chef nicht die Hammelbeine langzieht, da er mir viele Interna nannte, lasse ich ihn und seine Firma lieber ungenannt. Er bestätigte, dass der Trend zum eigenen Auto gerade drastisch abnimmt. Er rede hier nicht von 20 Jahren, eher von fünf. Allerdings würde das nicht für den Individualverkehr gelten, sondern für den ruhenden Verkehr.
Er erklärte es mir so: Heute kaufen Firmen keinen Drucker mehr, sie bezahlen pro Blatt und mieten einen Drucker. Auch Software kauft man nicht mehr, man hat Lizenzen pro PC. Die Zukunft ist das Zahlen pro Kilometer. Ob durch Leasing, Car-Sharing oder Uber – der Besitz eines Autos wird immer seltener. Auch das sich selbst fahrende Auto lässt den Deutschlandfunk vermelden, dass „das vollautomatische Fahren vor der Tür steht“. Sie denken, das braucht noch? Wissen Sie noch, wie schnell alle ihre Kameras mit Digicams ersetzten? Was glauben Sie, wie lange es braucht, bis wir wie bei Knight Rider das Auto rufen und wieder wegschicken können, wenn das technisch ohnehin längst möglich ist?
Allerdings bleibt der Wunsch, zum Einkaufen zu fahren und nicht alles Schleppen zu wollen. Solange man nach Schöneiche nur über Ostkreuz kommt (und der Kreis hat vollkommen irrational gerade für zehn Jahre den Status quo beim Bus zementiert) und nach Bad Freienwalde nur über Lichtenberg, wird es auch keine Veränderung am Fahren an sich geben. Mag es vor Grundstücken an ruhendem Verkehr abnehmen, bleibt die Verkehrsdichte auf den Straßen und das Parken vor den Läden.
Eine Drogerie kommt - woanders
Mittlerweile hat sich der Investor eines Biomarktzentrums am Rosa-Luxemburg-Damm in die Debatte mit eingeklinkt. Es sei die Idee der Verwaltung gewesen, hier zwei Biomärkte einziehen zu lassen. Als ich nachfragte, ob nicht stattdessen ein Biomarkt und eine Drogerie viel eher Sinn machen würden, antwortete man mir begeistert, dass man sich das noch viel eher vorstellen könnte. Schlecker ist nun einige Jahre geschlossen – war es verwegen, hier nicht nur alles auf die Eisenbahnstraße zu setzen?
Schon auf der letzten Sitzung des UBOA zwei Wochen zuvor wurde deutlich, dass unabhängig der einzelnen Ideen niemand im Ausschuss eine Drogerie an der Stelle für eine gute Idee hielt. Und so steht eines fest: Als Investor wäre ich nach der Veranstaltung ziemlich enttäuscht gewesen. Alle Pläne wurden ja unentgeltlich entwickelt. Und nun erfährt man, dass eine Drogerie gar nicht gebraucht würde. Zum Ärztehaus hat sich gar niemand geäußert. Warum auch, gibt es dazu doch bereits Pläne Lahnsteiner/Hauptstraße. Der Investor dort hat sich gerade mit dem Denkmalschutz geeinigt, wo ein Fahrstuhl gebaut werden kann – die Pläne liegen also alles andere als auf Eis.
Interessenten an einer Paralleldebatte
Von wem hatten die Investoren die Idee, dass es einen Drogeriemarkt in der Eisenbahnstraße bräuchte? Und warum wurde einem Ärztehausinvestor bescheinigt, er dürfe sich mal vorstellen, ungeachtet der anderen Pläne? Wenn der Bürgermeister immer sagt, er habe Gespräche mit Investoren geführt, waren es also seine Ideen? Und wenn ja, warum?
Nun, nehmen wir an, es waren seine Ideen, wäre die Antwort relativ simpel: Weil er nur dafür Interessenten hat. Wer die Straße bald entwickeln will, selbst dafür aber nichts zahlen, der ist auf das angewiesen, was man kriegen kann. Auf der Sitzung selbst sah man den Bürgermeister ungewohnt ruhig. Er wippte zuweilen mit den Füßen, schaute in sein Handy, blätterte in den Unterlagen. Bei dem Vortrag von Frau Schultz sah er fast nie nach vorn. Auch ihm dürfte klar werden: In diesem Ausschuss läuft es so gar nicht, wie er sich das ursprünglich gedacht hat.
Nun sei nebenbei erwähnt, dass ein Ausschuss zwar nichts beschließt, aber wenn der UBOA allzu deutlich ablehnt, beeinflusst das auch immer die Gemeindevertretung (GVT). Doch mittlerweile regt sich etwas. Der vom ehemaligen Bürgermeister Klaus Ahrens geführte Verwaltungs- und Wirtschaftsausschuss will nun auch die Eisenbahnstraße diskutieren. Obwohl es keine Zuständigkeit und auch keinen Grund dafür gibt, soll es wohl eine zweite Meinung geben. Da bleibt die Frage: Wem würde es nützen? Da Tagesordnungen immer im Benehmen mit dem Bürgermeister erfolgen, wieso gab es von ihm Zustimmung für diese zweite Debatte? Warum soll parallel und nicht miteinander geredet werden?
Der Neuenhagener Weg
Es ist auch aus meiner Sicht sehr traurig, dass wir niemanden gefunden haben, der in unseren Ort nach unseren Vorstellungen investieren will. Das ist bis heute nicht der Fall. Und so verbleibe ich bei dem Vorschlag von Frau Schultz. Ich nenne ihn den „Neuenhagener Weg“. Das, was wir brauchen, um sowohl kein verkehrliches Chaos anzurichten, als auch unseren Vorstellungen gerecht zu werden, wird uns niemand bauen. Das müssen wir wenn dann schon selber tun. Und das können wir auch.
Die Investitionen von Frau Schultz betragen ein Volumen zwischen zwei und fünf Millionen – je nachdem, ob wir nur auf dem Filetgrundstück bauen oder auf dem gesamten Gelände. Zum Vergleich: Das Bürgerhaus hat knapp 9 Mio € gekostet. Vielleicht können wir es noch nicht im nächsten Jahr oder in den nächsten drei Jahren. Vielleicht können wir es nicht ohne Kredit oder ÖPP wie beim Bürgerhaus. Vielleicht nicht alles auf einmal, sondern nur Haus für Haus. Aber unmöglich ist es nicht.
Ein Grundstück am Bahnhof, direkt in der Ortsmitte, das hat man nur einmal. Wenn man darauf eine Bebauung zulässt und es dafür sogar verkauft, sollte es etwas sein, das einen vollkommen überzeugt. Nur das zu nehmen, was ein bisschen besser ist als andere Ideen, überzeugt mich nicht. Es sollte auch kein Capt’n Einsicht mit seinen drei Weggefährten "Sollte", "Hätte" und "Wäre" von Nöten sein, wenn wir hinterher dann das Chaos haben.
Einbahnstraße in die Zukunft
Im Ausschuss selbst gab es kaum Wortmeldungen. Das war schade, da viele BürgerInnen gekommen waren. Fakt ist aber auch: Niemand hat sich für eine der Varianten der Investoren ausgesprochen. Wenn, dann müssten die kräftig an ihren Entwürfen nachbessern. Auch müssen die Schwierigkeiten beim Parken und beim Verkehr abgemildert werden. Wir wollen den Wochenmarkt und dieser darf auch nicht den Geschäften die Zufahrt versperren.
Am Ende brauchen wir aber eine Debatte, die ungeachtet der Wünsche und Ideen das Machbare im Fokus hat und bei dem Argumente am Ende das einzige sind, was zählt. Bevor das Tempo für Autos in der Eisenbahnstraße bald drastisch sinkt, sollten wir lieber jetzt etwas Tempo rausnehmen, um dann freie Fahrt in eine funktionierende Zukunft zu haben. Demokratie braucht Zeit, vor allem wenn sie im Miteinander erfolgen soll.
Sven Kindervater
Vorsitzender Umwelt-, Bau- und Ortsentwicklungsausschuss
LESERMEINUNG
Die Idee den Drogeriemarkt auf dem LIW-Gelände anzusiedeln finde ich sehr gut. Aber so wie ich das verfolgt habe, ist der Bürgermeister ja so erpicht auf die Eisenbahnstraße, dass sich das wohl nicht mehr stoppen lässt.
(Ohne Namen)
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser
Vielen Dank für die zustimmenden Worte. Ein Nachwort: Der Herr Bürgermeister Henze hat genau eine von 29 Stimmen in der Gemeindevertretung und ansonsten nur sein Wort, um zu überzeugen.
Sven Kindervater
Was so langsam durchsickert ist schon der Hammer. Da kungelt ein Herr Gebert wohl schon seit längerer Zeit (siehe ZDF-Auftritt vom September14 !! ) um für seine Kinder das Filetstück des Filets zu ergattern-und es würde mich nicht wundern ev. zu einem "Freundschaftspreis".Als Gegenleistung plädiert man natürlich eifrig für die Pläne des Bürgermeisters incl.Discounter.Ich hoffe die Linke nutzt ihre Mehrheiten um solch Vetternwirtschaft einen Riegel vorzuschieben.
(Ohne Namen)
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser
Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Die Beschlussvorlage, die am Donnerstag zur Abstimmung steht, sieht das Verhandeln mit der Familie Gebert nicht vor. Zwischenzeitlich gab es Überlegungen, dies zu tun, aber nach der Hauptausschuss-Sitzung am vergangenen Donnerstag zog der Bürgermeister dahingehende Überlegungen zurück.
Zum Freundschaftspreis wäre hier auch bestimmt nichts zu holen gewesen. Inwieweit Pläne der Familie Gebert auf unsere Vorstellungen treffen, ist für uns unerheblich. In Grundstücke privat zu investieren und auch mit ihnen zu wirtschaften ist legitim. Aber aus unserer Sicht nicht im Ortzentrum und im Übrigen auch nicht auf der Trainierbahn! Hierbei handelt es sich um Gebiete, die von allen Neuenhagenern genutzt werden und somit sollte sich hier auch demokratisch entscheiden, was dort passiert. Und zwar nicht nur jetzt, sondern auch noch in 5, 20 oder 50 Jahren. Dafür werden wir weiter streiten.
Eine Mehrheit besitzen wir aber nicht, wir haben bei der letzten Wahl 24,8% der Stimmen bekommen. Es ist aber in Neuenhagen Sitte, dass es sowohl keinen Fraktionszwang gibt, als auch keine Pferdeklappen gegenüber anderen Fraktionen. Entscheidend ist für uns also nicht, dass wir uns durchsetzen, sondern dass eine Lösung gefunden wird, bei der möglichst viele mitgehen können. Eine Entscheidung etwa 15:14 wäre für uns kein schönes Ergebnis. Es darf gerne mal knapp sein, aber bei einem so wichtigen Vorhaben sollte man den Ort nicht in Gewinner und Verlierer teilen.
Sven Kindervater
Hervorragend geschrieben. sachlich, klar, fragend.
Klaus Meiners
Themenbereiche
Handel, Wirtschaft und Verkehr
Neuenhagen, Partnergemeinden und Regionen
Zurück zum Themenbereich mit dem Browser-Button, zur Themenseite mit dem Zurück-Button links unten
Alle Ausgaben unserer kleinen Zeitungen "Ansichten - Aussichten", "Bürgerzeitung" und "Im Gespräch" finden Sie hier
Lektüretipp
Wir empfehlen Euch die Lektüre von " Das kurze Gedächtnis - Wie es wurde, was es ist - Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte" Gedanken von Kerstin Kaiser, Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau www.dielinke-neuenhagen.de/fileadmin/neuenhagen/Gedaechtnis.pdf
