#Sonntagsgedanken: Zukunft des Journalismus
Dieser Tage bittet der Chefredakteur von SPIEGEL Online um Meinungen zur Zukunft seiner Plattform. Auch unser Autor hat eine. Doch die wäre viel zu schade, wenn er sie nur an die Hamburger verschenken würde. Was meinen Sie?
Dieser Tage bittet der Chefredakteur von SPIEGEL Online um Meinungen zur Zukunft seiner Plattform. Auch unser Autor hat eine. Doch die wäre viel zu schade, wenn er sie nur an die Hamburger verschenken würde. Was meinen Sie?
Große Firmen geben viel Geld aus, um beraten zu werden. In letzter Zeit gesellt sich aber eine kostengünstige Alternative hinzu: Kunden-Feedback. Manchmal winkt noch ein Gewinn oder eine Prämie, etwa bei Payback. Zusätzlich zu Treue-Aktionen, die vorrangig verhindern sollen, dass man die Butter das nächste Mal aus Bequemlichkeit bei der Konkurrenz kauft, gibt es nun Preise von Deutschlandfähnchen bis gar zu einem Kamin. Viele Menschen glauben, sie bekommen hier etwas geschenkt, faktisch aber werden ihre Einkaufsdaten gespeichert und ausgewertet. Ob das anonymisiert und geheim geschieht ist im Zeitalter der Five Eyes nicht zu garantieren.
Meistens jedoch wird gar nichts mehr geboten, außer eine Hoffnung: Einfluss auf die Zukunft des Produkts. Hat Microsoft früher unzählige Produkttester angestellt, wurde Windows 10 über ein Jahr vor dem Erscheinen frei gegeben und Millionen von Menschen nutzen es schon. Dabei wird jeder Klick und jeder Tastenanschlag aufgezeichnet und an Microsoft versandt. Jeder, der diesen Massentrend mitgeht, hat unmittelbar einen Vorteil vor denjenigen, die nur eine kleine bezahlte Truppe hochrechnen. Bei immer größer werdendem Umfang an Produkten wäre ein äquivalentes Vergrößern der Tester kaum noch zu finanzieren. Videospielpreise stagnieren seit 10 Jahren, Windows 10 wird gar kostenlos.
Auch SPIEGEL Online ist nun auf den Zug aufgesprungen. In einem längeren Aufsatz hat vergangene Woche der Chefredakteur Florian Harms die ganze Spannbreite seiner Seite dargelegt und auch hier ist klar zu erkennen, dass es nur eine Richtung gibt: Immer mehr. Klar, dass hier Feedback wichtig wird. Ich muss zugeben, auch ich habe diese Woche meine Ware Arbeitskraft unentgeltlich vergeben, indem auch ich der Redaktion schrieb. Eigentlich wollte ich nur schreiben, dass deren Forum großer Mist ist, allerdings wollte ich das konstruktiv mitteilen. So sind Gedanken entstanden, die ich auch mit Ihnen gerne teilen wollen würde:
"Sehr geehrter Herr Harms,
Sie haben heute dazu aufgerufen, sich bei Ihnen für Hinweise zu melden.
Da ich Politiker bin, wäre jetzt natürlich erwartbar, dass ich an Inhalten rumkrittele. Da Sie aber hierzu schon eine unfassbare Anzahl an Kommentaren haben, unterlasse ich das. Sie wissen, wie Ihre (kommentierende) Leserschaft etwa bei Putin-kritischen Beiträgen reagiert und was Sie sich davon annehmen und was nicht. Das muss ich jetzt nicht wiederholen.
Mir geht es dennoch um die Kommentare an sich. Internetblogs haben die zwei Extreme: Entweder kaum Beiträge, sodass sich keiner traut oder zu viele Beiträge, sodass ein Diskurs nicht entsteht. Bei Ihnen ist Letzteres der Fall. Das niedrige Niveau von Hasstiraden, Beschimpfungen und Unterstellungen sind dabei ein direktes Produkt des isolierten Kommentares. Wer gehört werden will, muss enorm schreien. Es nützt also nicht, nur die Schreiberlinge zu fürchten und womöglich zu diskreditieren, sondern auch zu schauen, ob das eigene Format überhaupt ein anderes Agieren unterstützt, womöglich sogar befördert.
Wut hat einen Motor. Die Artikel von SPIEGEL Online haben enorme Wirkung. Fast alle Artikel, die eher eine Meinung widerspiegeln, haben in ihrer Konsequenz fast ausschließlich Kommentare, die den Autor zerreißen. Es schreiben nicht die, denen es gefällt, es schreiben die, welche ganz freud'sch die Hoffnung nicht aufgeben, einen Einfluss auf Ihre Redakteure zu haben. Es ist Ausdruck ihrer Ohnmacht. Da der SPIEGEL enormen Einfluss auf Politik und Gesellschaft hat, ist der Wunsch nach Partizipation der Selbe, wie bei Befürwortern der direkten Demokratie und innerhalb von Parteien nach Basisabstimmungen.
Was ich ansprechen möchte, sind Wege, den Anspruch von Journalismus und den Wunsch nach Partizipation zu verbinden. Die Zeiten, in denen Texte monolithische Werke sind, welche noch in Jahrhunderten auf die Nachkommastelle analysiert werden, sind vorbei. Was technisch seit einigen Jahrzehnten möglich ist, rückt nun auch ins Bewusstsein der Akteure: Ein digital erstellter Text ist unendlich veränderbar. Es bedingt kein Nachdruck und kein Einstampfen. Der moderne politische Text ist eine Momentaufnahme, welcher sich dem Diskurs der Debatte stellt.
Immer mehr Menschen sind dazu übergegangen, ihre eigenen Texte zu schreiben. Die breite Masse tut sich dabei jedoch immer schwerer, zwischen Journalismus und Hobbyschreiben zu unterscheiden. Eine grafisch anspruchsvolle und somit seriös-wirkende Seite ist mittlerweile ein Kinderspiel. Oft ist das eigene Texten aber nur eine Ersatzhandlung. Die Zukunft des Journalismus wird die Verbindung sein. Texte, die verändert werden können und die sich beeinflussen lassen. Der Fokus von Artikeln rückt weg vom Schreibenden, hin zum Geschriebenen.
Konkret gesagt, ist ihr derzeitiger Kommentarbereich unbrauchbar. Er ist unübersichtlich und schon nach wenigen Kommentaren viel zu aufwendig. Bezüge können kaum hergestellt werden. Hier sind Plattformen wie "Disqus" schon enorm viel weiter. Allerdings geht das ins Technische, da haben Sie Ihre Experten und brauchen mich nicht. Es geht eher um die Frage: Was wollen Sie? Die Idee, dass man sich im Anschluss an einen Text inhaltlich auseinandersetzt, wird durch das fast ausschließliche Kritisieren an Aussagen des Textes konterkariert. Offenkundig wollen Ihre Leser nicht miteinander reden, sondern mit Ihnen. Ich sage: Das ist kein Problem, das ist eine Chance!
Nun kennt man das von Buchrezensionen: Da schreibt dann jemand in wenigen Zeilen, wie ein 300-Seitenbuch zu sehen ist. Wem nützt das? Richtig, niemanden! Was aber, wenn man sich auf ganz spezielle Passagen und Aussagen eines Artikels beziehen kann? Wenn es darum geht, Artikel im Diskurs weiterzuentwickeln, brauchen wir die Möglichkeit, sich konkret auf etwas zu beziehen - nicht nur mit Zitaten, sondern grafisch! Somit rückt der Kommentarbereich auch weg vom Ende eines Artikels mitten rein ins Geschehen. Eine Internetseite ist ja kein Stück Papier, wo nur unten Platz ist, hier können zwischen Zeilen Elemente ein- und ausgeblendet werden. Auch wäre so verhindert, dass man verallgemeinernd und ohne Bezug agiert. Es gibt auch die Möglichkeit des Autors, konkret auf etwas zu reagieren - und auch sich zu korrigieren.
Die Videospielbranche hat diesen Transit schon hinter sich. Heute ist ein Spiel nicht mit dem Erscheinungsdatum fertig, es hat wenn überhaupt erst angefangen, so richtig Arbeit zu machen. Davon gibt es kein Abrücken mehr. Dass man im Umkehrschluss mittlerweile nur noch halbfertige Spiele bekommt, ist aus meiner Sicht dem Übergang geschuldet, weil Erfahrungen fehlen, aber auch Strukturen und Methoden. Auf Dauer wird die Industrie so nicht überleben, da ihr sonst ein Vertrauensverlust ähnlich der frühen 80er droht. Es wäre sicher nicht uninteressant, zu gucken, was sich dort tut.
Der Anspruch der Leser, Einfluss auf einen Autor zu haben, sollte in eine ähnliche Richtung gehen. Dabei kann der vorherige Artikel nicht nur Blaupause für den nächsten sein, getrost dem Motto, nächstes Mal mache ich es besser. Es muss auch darum gehen, am lebenden Objekt zu operieren. Natürlich braucht es hier künstlerische Freiheit. Wer nicht auf iTunes erscheinen will, weil er seine Alben als Gesamtkunstwerke versteht, hat das Recht dazu. Und auch mit den Konsequenzen zu leben (was ich ausdrücklich für möglich halte). Wer aber den Diskurs will, der muss ihn auch führen.
Zusammengefasst: Ich wünsche mir das Kommentieren im Text mit der Möglichkeit für Autoren, sich auf Argumente einzulassen und Veränderungen (kenntlich gemacht) vornehmen zu können. Ob es dazu weiterhin die Möglichkeit gibt, sich am Ende eines Artikels inhaltlich auseinanderzusetzen, muss dann geprüft werden, aber zumindest ist der Diskurs am Text davon dann klar getrennt. Am Ende gilt gar eine ziemlich alte Erkenntnis: Es wird vor allem das geteilt, womit man sich am stärksten identifizieren kann. Und das "teilen" spielt ja in den sozialen Medien um im Wettbewerb um Klicks eine enorme Rolle.
Eine zukunftsfeste Nachrichtenseite ist eine, auf die man gerne geht und die man gerne anderen zeigt.
Ich bedanke mich fürs Lesen."
Nun habe ich das ja am Donnerstag geschrieben und die Rubrik heißt ja Sonntagsgedanken. Daher möchte ich heute noch einen Nachgedanken anfügen:
Der Journalismus hat ein massives Geldproblem. Fast alles wird kostenlos online konsumiert. Doch solange es das Grundeinkommen nicht gibt, müssen auch Schreibende von ihrer Zunft leben können. Es ist deshalb nicht reaktionär, wenn ein Linker über Bezahlmodelle reden will, geht es doch um den normalen Broterwerb und dem gleichzeitigen Entgegenwirken, dass der professionelle Journalismus stirbt. Auch hier zeigen andere Branchen, wie es gehen kann. Musik kommt in aufwenidgen Schachteln mit dicken Booklets und kann jederzeit unumständlich auf diverse Geräte überspielt werden, Filme kommen in Blu-Ray, DVD und mit Downloadgutschein inkl. vieler Specials in einer Box. Die Branche hat gelernt: Wer Service bietet, bekommt auch das Geld.
Generell geht der Trend weg vom Besitzen eines Gegenstandes, hin zum Kaufen einer Leistung. PC-Software ist schon seit Jahren nur noch eine Lizenz, aber auch Drucker gehören uns rechtlich schon lange nicht mehr (lesen Sie mal die AGB). In wenigen Jahren scheint das auch auf immer mehr Autos zuzutreffen und früher oder später auf so ziemlich alles. Auch Videospiele kann man sich mittlerweile komplett kostenlos auf YouTube ansehen – nur wer selber spielen will, muss zahlen.
Wer nur lesen will, wird das weiterhin kostenlos tun – dahinter gibt’s auch kein Zurück mehr. Alle Versuche, hier die Leserschaft wieder umzugewöhnen sind gescheitert. Auch die derzeitigen Trends von taz und neues deutschland, mich bei jedem Artikel daran zu erinnern, dass ich etwas kostenlos nutze, was aber Geld kostet, lässt mich eher wie ein ertappter Kleinkrimineller dastehen und das Klicken auf „Ich beteilige mich später“ ist eine glatte Lüge – ich werde dafür nie etwas zahlen! Die Büchse der Pandora ist speerangelweit offen und die Geister können nicht mehr eingefangen werden. Würde der Berufsjournalismus hinter eine Bezahlschranke zurückfallen, wäre das nicht nur sein Tod, es wäre der Sieg der unseriösen Quellen.
Die Antwort des Journalismus muss eine andere sein. Wenn also die Industrie sich so öffnet, wie ich an Herrn Harms schrieb, bietet Sie eine Leistung an, die es bis jetzt noch gar nicht gibt: Das Mitwirken. Wer aber mitdiskutieren will, zahlt für den Aufwand, den er den Autoren und Technikern damit bereitet. Die Berichterstattung wird die Grundvoraussetzung, ein Produkt überhaupt wahrnehmen zu wollen, so wie beim neuen Windows, während ich für Office mittlerweile jährlich für eine Lizenz zahle. Zumal Zeitungen ihr Geld gar nicht mehr rechtfertigen können: Ich soll für etwas bezahlen, das ich im Schnitt nur zu 5% nutze. Das haben meine Eltern gemacht, weil es alternativlos war, sich zu informieren, aber das kann man meiner Generation buchstäblich nicht mehr verkaufen. Ich kaufe ja auch keinen Döner und esse nur die Tomaten.
PS: Und ganz im Sinne des Artikels würde auch ich mich sehr über ein Feedback freuen: sven.kindervater@dielinke-brandenburg.de
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