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Sven Kindervater

#Sonntagsgedanken: Wen kümmert Kümmert?

Der historische Rückzieher von Andreas Kümmert beim ESC hinterlässt viele Fragen, aber auch neu entdeckte Bewunderung für das Kennen seiner Grenze. Unser Autor beschäftigt sich diese Woche mit seinem Werdegang und stellt fest: Kümmert braucht keinen Applaus. Vielmehr sollte man zur Kenntnis nehmen, dass es ein Umdenken in der Musikszene braucht.

Der historische Rückzieher von Andreas Kümmert beim ESC hinterlässt viele Fragen, aber auch neu entdeckte Bewunderung für das Kennen seiner Grenze. Unser Autor beschäftigt sich diese Woche mit seinem Werdegang und stellt fest: Kümmert braucht keinen Applaus. Vielmehr sollte man an seinem Schicksal zur Kenntnis nehmen, dass es ein Umdenken in der Musikszene braucht.

Ein wenig die Augen habe ich mir schon gerieben. Die perfekt inszenierte Showbranche wankte für wenige Sekunde, als Andreas Kümmert seine Ernennung zum deutschen Kandidaten beim ESC nicht annahm. Doch im Business sind schlechte Nachrichten gute Nachrichten. Fast hätte man den ESC vollkommen vergessen! Und auf den Internetseiten der großen Zeitungen konnte man sich mal wieder überbieten im Deutungswettbewerb, wobei sich das Niveau über die Jahre denen der eigenen Kommentarspalte angepasst hat – ob Forum oder sogenannter Qualitätsjournalismus ist kaum noch zu unterscheiden.

Auf SPIEGEL Online und der Berliner Zeitung wurde eine neue Kategorie Mann ausgerufen, bei der ZEIT hieß es, er habe sich bewundernswert dagegen gewehrt, jemandem außer sich selbst zu gehorchen. Doch auch sie nehmen ihn nur als Objekt und dichten in ihn rein, was ihnen gerade passt. Damit das funktioniert, lassen sie alles weg, was bis dahin geschehen ist. Ich mache das nicht mit!


Nichts mit Musik zu tun

Fangen wir an mit dem ProSieben-Sat.1-Vergnügen „The Voice of Germany“, was Kümmert einst gewann. Ich gebe zu: Ich habe da mal mitgemacht. Ausgerüstet mit über zehn Jahren Stimmbildung und Musikabitur ging ich zu einem Casting. Da ich es aus der Politik kenne, dass man sich zuweilen auch mal durchsetzen muss, fühlte ich mich fit. Doch ich merkte ziemlich schnell, in welche Hölle ich mich begeben würde.

Die Wochen zuvor ließen mich wohl blind werden. Mit meiner Stimmbildnerin steigerte ich mich zur Höchstform. Da um zwei Playbacks gebeten wurde und online keine zu finden waren, erstellte ich diese mit meinem besten Kumpel einfach selbst. Er Bass und Gitarre, ich Schlagzeug und Background, dank moderner Technik konnten wir das perfekt abmischen. Das hat eine unglaubliche Freude bereitet, zumal ich in der Politik zu der Zeit so ziemlich am Boden lag.

Mein Casting fand im Hotel am Landsberger Tor statt, eine lange Warteschlange zeichnete sich schon ab. Ich reihte mich ein. Mein erster Gedanke: Mist, so viele. Vor dem Auftritt war noch ein kurzes Ansingen, bei dem bereits das erste Mal aussortiert wurde – ich auch. Doch zu diesem Zeitpunkt war mir das schon vollkommen egal. Abgeschlossen hatte ich schon in der Warteschlange. Wer bei einer Anhäufung von Musikern den Gedanken „Mist, so viele“ bekommt, bei dem läuft was verkehrt! Mit Musik hatte das alles nichts mehr zu tun!


Objekt zum Gutfühlen

Kümmert gewann einen Wettbewerb, bei dem man durch sein Können einem anderen das weitere Mitmachen verwehrt. Das durchzustehen und zu gewinnen, bedeutet nicht nur, einen psychologischen Krieg durchstanden zu haben – man hat ihn selber mit scharfer Munition geführt. Man hat sich seinem Paten angepasst, hat gesungen, was rausgesucht wurde – und besonders im Falle von Kümmert auch sein Image zum Publikumsliebling gepflegt. Sein Aussehen und sein Wirken war sein Kapital und er war sich über Wochen und Monate klar, dass sie Teil seines Erfolgs waren.

Spätestens nach seinem Sieg konnte er sich dessen sicher sein. Kein Bericht kam aus, ohne sich auf sein Erscheinungsbild zu beziehen. Und auch wenn man sich ganz aufgeklärt gab, übersetzt stand überall: Gewonnen trotz Hackfresse. Man klopfte sich auf die Schulter, fühlte sich furchtbar weltoffen, da man mal nicht die Tittenmaus bevorzugte. Doch so wie die Gleichberechtigung von Frauen erst erfolgt ist, wenn das Geschlecht gar keine Rolle mehr spielt und Toleranz erst erreicht ist, wenn Hautfarbe oder Religion gar nicht mehr erwähnt werden müssen, ist das Äußere erst nichtig, wenn es eben gar keine Rolle mehr spielt. Doch genau darin versagte unser Bildungsbürgertum wie seit jeher und Kümmert machte es sich zu Eigen, um nun das ganz große Ding zu drehen.


Grand Prix der Popindustrie

War er früher noch Grand Prix genannt, ist heute die Spielwiese des europäischen Pops. Zunächst war es der ESC der BBC, der aus der Schlagerfernsehsendung ein Konzert mit lebendigem Publikum formte. In die Popwelt holte es dann Stefan Raab. Der Kampf zwischen Ralph Siegel und ihm und damit zwischen dem Schlager und dem Pop, ging über viele Jahre. Beide schickten immer wieder Protagonisten ins Rennen, bis Siegel nur noch das Ausland blieb, da man in Deutschland längst auf Raab und die Moderne setzte.

Und so kam es dann, dass sich die Öffentlich Rechtlichen mit ProSieben verbündeten, um das Instrument ihre Revolution zu finden. Es wurde Lena Meyer-Landrut. Beispiellos wurde sie zum Objekt der Industrie, trällerte gefühlte tausend Mal auf jeder Kirmes den Raab-Song mit falschem Englisch („Loff, oh, loff“) und holte den ESC zur ARD. Da man nun am Ziel war und mit der bis heute unerreicht besten Show im deutschen Fernsehen den Standard für künftige ESC setzte, aber keine Kohle für eine weitere ausgeben wollte, griff man wieder zu Landrut. Zwei Mal gewinnen fällt aus weil is nich. Danach blieb ihr noch Kosmetikwerbung – weil sie es sich wert ist. 

Dafür hat sich Kümmert nun beworben. Es gibt viele Chancen groß rauszukommen. Bspw. konnten sich Tokio Hotel beim „Echo“ einst nach schöpferischer Pause hier wieder ins Gespräch bringen. Aber auch bei Raab selber half ein Auftritt fürs Kleingedruckte immer mehr als bei Gottschalk, auch das Morgenmagazin soll fördernd wirken. Und für alle anderen gibt es ja noch den Dschungel. Für den ESC entscheidet man sich nicht spontan. Dieser nationalistischste aller Sangesfestivals, deren Sieger wie Fußballweltmeister mitsamt Winkelementen empfangen werden, ist seine ganz eigene Liga. Wer die Shows verfolgt, weiß, dass es hier um Bildgewalt und Kurzlebigkeit geht. Die Melodien müssen nach einmaligem Hören zu Anrufen führen, da bleibt keine Zeit für musikalischen Tiefgang oder gar komplexe Lyrik. Und genauso haltbar sind diese Songs, nämlich gar nicht. Was man schnell mag, wird schnell langweilig. Nichts also für Musiker mit Anspruch.


Neuenhagen war ihm nicht gut genug

Kümmert wurde ein stückweit zur Hoffnung, das zu durchbrechen, weil er genügend anders war, ohne wirklich anders zu sein. Auch er ist ein Produkt der Industrie, aber sein Auftreten lässt uns das für radiogerechte 2:59min vergessen. Und nun zog er die Reißleine. Doch war das keine Heldentat. Er ist den Pakt mit dem Teufel eingegangen und forderte nun live vom ESC seine Seele wieder zurück. Das hätte aber bedeutet, dass er vor diesem noch eine hatte. Statt sich des Karrieresprungs von The Voice Gnaden zu bedienen und fortan wieder das Miteinander in der Musik zu suchen, warf er sich in das nächste Haifischbecken. Schön, dass ihm spätestens dann mal auffiel, dass sein Sieg die Niederlage für andere bedeutete. Applaus braucht es dafür aber nicht.

Der Gründer des Labels „Beat the Rich“, welcher unter anderem Künstler wie Kraftklub unter Vertrag hat, sagte mal: „Ein erfolgreicher Musiker kann sehr gut leben von dem was er macht. Musik. Alles andere ist Gier.“ Die allermeisten Casting-Sieger machen und leben von ihrer Musik, auch wenn wir davon nicht mehr so viel mitbekommen. Viele Eintagsfliegen düsen mit in der Breite unbekannten Programmen durchs Land. Es gibt genügend Raum, wenn man seine Grenzen ohne das Doping der großen Firmen akzeptiert. Kümmert konnte das nicht. Weder wollte er den konventionellen Aufstieg, noch akzeptierte er das Ankommen in der Klasse der Berufsmusiker, die statt in der o2world in der Neuenhagener Arche spielen. Bell, Book and Candle, Jeanette Biedermann, Alphaville – das war ihm wohl zu klein. Er konnte nie genießen, wie dankbar das Publikum hier ist und wieviel ehrlicher der Applaus im Kleinen sein kann. Er wollte Europa.

Jetzt den Stecker zu ziehen, wo so viele an ihm hängen und einer das Kabel zu reichen, die dafür nicht genügend Strom bekommen hat, ist ein stückweit unverantwortlich. Peer Steinbrück sagte letztens, der 2013er Wahlkampf sei aus mehreren, auch von ihm verschuldeten Gründen bereits im Frühjahr verloren gewesen. "Da können Sie nichts mehr machen und nur noch in Würde zu Ende spielen." Wer aber noch nie Würde zeigte, bei dem überrascht es nicht, wenn ihm nun die Wahl der Zuschauer, welcher mittlerweile ihr Telefongeld wieder haben wollen, auch vollkommen egal ist. Der Zweitplatzierten ist nur zu wünschen, dass sie nicht annimmt und damit mehr Selbstachtung beweist als etwa ein Markus Lanz hat, der ohne Scham alles wegmoderiert, was man ihm nicht absetzt.


Verrechnet

Der ESC ist Teil des Spiels, welche die Musikindustrie mit uns seit Jahrzehnten spielt. Erfolgreiche Musik entsteht nicht mehr in Garagen, sondern am Rechner. Stimmen brauchen nicht mehr bestechen, sie werden abgemischt. Fürs Gesicht gibt es Photoshop, für den Sound gesichtslose Tonspuren zum Mixen. Aber ich meine nicht nur die Technik in der Musik. Diether Bohlen hat BWL studiert, nicht Komposition. Es geht um das schiere Berechnen, was auf dem Markt erfolgreich sein könnte.

Mit der Vermessung der Menschen kommen die fertig portionierten Häppchen Kultur, die möglichst genießbar sein müssen, da der Alltag nervig genug ist. Dur, wohin das Ohr hört, Kindermelodien, wahlweise mit fettem Beat oder kräftiger Gitarre und dazwischen austauschbarer Einheitsbrei. Ich sage nicht, dass das nicht auch klug und gut gemacht sein kann. Während ich das hier schreibe, genieße ich das neue Madonna-Album. Aber die Musik steht still und das schon seit Jahren. Wer nie mutig sein will oder gar provozierend, der wird nie das Neue entdecken. Punk, Metal, Techno, Pop – diese Erscheinungen aus den 80ern sollen das Ende aller Entwicklungen sein?


Das ständige Suchen nach den Besten muss aufhören! Es gibt nicht zu viel Musik, es braucht keinen Konkurrenzkampf! Lassen wir Künstler nebeneinander atmen und führen wir ein Grundeinkommen ein. Damit Kunst nicht dann erfolgreich ist, wenn sie genügend Masse erreicht und dementsprechend kompatibel ist, sondern wenn sie schlicht und ergreifend gut ist. Man sagt, Bach hatte seine Höchstzeit im 20. Jahrhundert. Seien wir doch einmal schon bereit für eine Musik, bei der man sich beim Schöpfer noch bedanken kann.


PS: In der Schlange am Landsberger Tor stand auch eine gewisse Leona Heine. Auch sie kam nicht weit. Auch sie ist auf den kleinen Bühnen unserer Region zu finden. Sie geht den langen Weg und die Musik motiviert sie genug, auch ohne den ganz großen Scheinwerfer. Und kurz nach dem Casting standen wir sogar ein paar Mal gemeinsam auf der Bühne. So muss das.


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