#Sonntagsgedanken: Verstand statt Regeln
In unseren #Sonntagsgedanken widmen auch wir uns der Ermordung der Journalisten des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Dabei beleuchtet unser Autor, warum Schlussfolgerungen hilfreich seien können, wir uns aber nicht allein von ihnen leiten lassen sollten.
In unseren #Sonntagsgedanken widmen auch wir uns der Ermordung der Journalisten des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Dabei beleuchtet unser Autor, warum Schlussfolgerungen hilfreich seien können, wir uns aber nicht allein von ihnen leiten lassen sollten.
Wer konnte so etwas nur tun? Was trieb ihn an? Was sollte das? Die Fragen, die wir uns nach schrecklichen Ereignissen stellen, sind häufig immer dieselben. Sie sollen vor allem eins: Unser Bedürfnis stillen, das Erlebte verstehen zu wollen. Es ist uns angeboren, nachzufragen und einordnen zu wollen. Wir haben das in unseren Überlebensinstinkten, schließlich wollen wir aus Erlebtem lernen und Gefahren künftig eher erkennen. Schnelle Schlussfolgerungen lassen uns überleben, weil wir so Fehler (möglichst) nicht wiederholen.
Doch instinktiv zu handeln ist nicht immer hilfreich, auch das wissen wir. Es gibt sie nämlich, die Automatismen, welcher wir Mittels unseres Verstandes überwinden müssen. Einer davon ist, Erlebtes zu verallgemeinern, um daraus eine allgemeine Regel ableiten zu können. Wir brauchen Regeln, weil wir bei Zukünftigem auch wenn es anders sein wird, möglichst schnell etwas erkennen sollen, was uns das Richtige tun lässt. Es mag uns nützen, möglichst wenige Regeln auf möglichst viele Fälle anwenden zu können, aber es wird uns nicht immer an die Wurzel von Problemen führen.
Wenn in Paris Journalisten erschossen werden, ist es verständlich, dass wir uns fragen, was wir tun müssen, damit so etwas nicht wieder passiert. Der Wunsch nach einer Regel ist offenkundig. Und das Internet ist nicht arm an Regeln:
• Die die Täter offenkundig muslimischen Glaubens waren, scheint Terror vom Islam eine Regel zu sein.
• Da die Täter wohl Einwanderer waren, scheinen Straftaten von Einwanderern eine Regel zu sein.
• Da die Täter wahrscheinlich wegen Mohammed-Karikaturen töteten, scheint die Kritikunfähigkeit des Islams eine Regel zu sein.
Die Liste könnte man sicher noch fortsetzen. Doch gerade diese drei Regeln können dieser Tage quer übers Internet gefunden werden. Sie sind also nicht nur in vielen Köpfen, es gibt viele Menschen, welche diese in ihre Tastaturen tippen und sich die Mühe machen, diese mit anderen zu teilen. Sie sind gar einzig dafür verfasst worden, um sie möglichst vielen auf den Weg zu geben. Nach dem Motto: Seht her, so ist es, darauf müssen wir künftig achten!
Das Problem ist das anfangs erwähnte: Diese Regeln sind nicht hilfreich. Es sind Automatismen, welche wir Mittels unseres Verstandes überwinden müssen. Den Islam zu verbieten, Einwanderung zu unterlassen und auf Mohammed-Karikaturen gänzlich zu verzichten, wird die Welt nicht ein Stück sicherer machen. Sie wäre allenfalls anders unsicher, denn diese Umstände sind nicht die Ursachen für die Taten. Die Täter mögen sich dem Islam zugewandt haben, sie mögen eingewandert sein oder zumindest Migrationshintergrund haben und sie mögen über die Bilder verärgert gewesen sein – aber warum dann der Umkehrschluss, dass nicht sie, sondern ihre Umstände für die Tat verantwortlich gewesen sein sollen?
Wenn es die Umstände wären, müssten wir auch noch gleich mit das Christentum, Videospiele, Alkohol und Testosteron verbieten. Welche Taten schon alles in wessen Namen oder aus welchem Hintergrund ausgeübt wurden, würde zu einer schier unendlichen Liste von Verboten führen. Und wohin uns Verbote führen, wissen wir ja insgeheim irgendwie auch.
Wenn also immer häufiger Anschläge ausgeführt werden durch Menschen die muslimischen Glaubens sind, ist es unser Gehirn, was uns helfen will, indem es sagt: Vorsicht vor Muslimen. Genauer gesagt ist es unser Unterbewusstsein. Es verwischt auch, dass es bei Karikaturen zwar nur gemeldete Drohungen von Anschlägen gab, man diese nun aber irgendwie gleich mitzählt. Es war der erste Anschlag mit diesem Hintergrund und die ARD fragt den Chefredakteur der Titanic: „Wollen Sie ernsthaft sagen, dass Sie sich keine Sorgen machen?“ Der Moderator konnte sich nicht erklären, warum nun nicht auch sein Interviewpartner diese Regel vom Einzelfall ableitete.
Dabei macht der Mann vom Ersten etwas durch, was unser Gehirn absolut nicht abkann: Sich etwas nicht erklären zu können. Vielleicht werden wir uns nie erklären können, warum jemand die Journalisten in Paris getötet hat. Oder wir müssen uns tatsächlich eingestehen, dass man aus der Tat keine Regel ableiten kann. Beides mag uns nicht besonders glücklich machen. Aber sollten wir auf das völlig Falsche zeigen, nur damit wir uns wohlfühlen?
Die Kombination aus dem Wunsch nach Regeln und dem Erklärbaren ist dann vielleicht auch der Grund, warum wir dieser Tage eine sehr subjektive Annahme von Fakten erleben. Es ist natürlich, dass wir etwas, was von unserer Regel abweicht, nur sehr wiederwillig annehmen. Mit dem Alter kommen Erfahrungen und mit denen immer mehr feste Regeln. Das Unterbewusstsein würde seine Funktion verlieren, bei nur wenigen Ausnahmen alles erlernte über Bord zu schmeißen. Wir sollten nur verstehen, dass es in der politischen Debatte manchmal die Regeln selbst sind, die noch nie vor den tatsächlichen Gefahren gewarnt haben. Aber wer möchte das von sich schon gerne hören – wer kann das überhaupt?
Ich verurteile niemanden, welcher Regeln ableitet und welcher nicht akzeptieren will, sich etwas nicht erkläre zu können. In der Wissenschaft weiß man schon längst: Das Bewusstsein rennt dem Unterbewusstsein permanent hinterher. Ich verurteile daher nur, wer es nicht schafft, sein eigenes Unterbewusstsein schnell genug einzuholen, bevor man sich zu Äußerungen hinreißen lässt. Schlossfolgerungen helfen uns, aber sie ersetzen nicht, uns unseres Verstandes zu bedienen.
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