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Sven Kindervater

#Sonntagsgedanken: Putin wird missbraucht

Ausgerechnet ein Lied über Frieden! Schon lange hagelte es Kritik am russischen Beitrag zum ESC. Doch davon unbeeindruckt vergab Deutschland seine zwölf Punkte an Putin-Land. Unser Autor versucht zu verstehen, was hier „schief“ gelaufen ist und meint: Wir sollten endlich über das Richtige sprechen.

Ausgerechnet ein Lied über Frieden! Schon lange hagelte es Kritik am russischen Beitrag zum ESC. Doch davon unbeeindruckt vergab Deutschland seine zwölf Punkte an Putin-Land. Unser Autor versucht zu verstehen, was hier „schief“ gelaufen ist und meint: Wir sollten endlich über das Richtige sprechen.

 

Es gibt diese Sendungen, von denen immer alle behaupten „Ich gucke das ja nicht“ – und man sich dann fragt, woher die guten Einschaltquoten kommen. Am Wochenende lief sicher eine der erfolgreichsten „Ich gucke das ja nicht“-Sendungen: Der Grand Pr… äh ESC. Eigentlich hatte ich dazu bereits alles gesagt. Und ich habe es auch Fähnlein-Fieselschweif-Ehrenwort nicht geguckt. Aber am Sonntagabend musste ich mich dann doch damit beschäftigen.

 

Zweitliga-Nachrichten

Mein bester Kumpel, der mittlerweile nach Moskau verheiratet ist, erzählte mir, wie man in Russland vom ESC berichtete: Nur zweiter, aber zwölf Punkte aus Deutschland. Ich konnte das ja gar nicht glauben. Ich hatte ja mitbekommen, dass es aus den deutschen Medienanstalten nicht an massiver Kritik an Russlands Beitrag mangelte. Um irgendwas mit Frieden solle es in dem Lied gehen und das sei ja wohl die Höhe und wie dreist könne man sein und wäwäwä. Viehisch aufgeregt hat mich das ja schon.

Gut, ich hätte das ja aber auch nicht gucken müssen, sagen Sie jetzt. Aber es kam ja in den Nachrichten! Gestern etwa berichtete das heute-journal des ZDF zu Beginn 5min von einem Aufstieg einer Zweitliga-Fußballmannschaft und dann erst 4min vom Beginn eines kompletten konservativen und EU-kritischen Umsturzes in Polen und dann 30sek vom Linksruck in Spanien (dolle Gewichtung übrigens). Versuchen Sie sich mal zu informieren, ohne den ganzen Mist mitkonsumieren zu müssen!

 

ARD Ent-Täuscht

Ich recherchierte dann, ob die ARD während der Übertragung dann vergessen hatte, die Leute noch einmal zu erinnern, wie böse Putin ist. Hatte sie nicht. Doch dann zwölf Punkte. Wie heißt es bei sowas immer in meiner aktuellen deutschen Lieblingsserie „Im Knast“: „Ey, was ist das?“ Hat doch der deutsche Pöbel nach fast zwei durchgehenden Jahren Russlandhetze sich nicht beeinflussen lassen. Haben die Medien gar nicht mehr die Macht wie sie glauben?

Arte brachte neulich eine interessante Dokumentation über den Kalten Krieg in den 80ern. Dort wurde auch über den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme gesprochen. Dieser wollte eigenmächtig zwischen den Blöcken vermitteln und bekam dafür viel Rückenwind aus der eigenen Bevölkerung. Doch durch ein paar Täuschungsmanöver, welche die Verantwortlichen der USA mittlerweile ungeniert zugeben, veränderte sich dank der schwedischen Medien die Angst vor der Sowjetunion von um die 20% auf über 80%. Wenige Wochen vor einem Gespräch mit Moskau wurde Palme übrigens ermordet. Macht richtig Mut, sowas zu erfahren.

 

(K)ein bisschen Putin

Doch der feuchte Traum der medialen 80er scheint sich zu vaporisieren. Nur womit hängt das zusammen? Ich hatte mich bereits zur Zukunft des Journalismus geäußert. Und ob die ganzen Ersatz- und Möchtegernmedien wirklich so viel besser sind, weiß ich nicht. Dass nun an die Stelle von Massenlügen multiplizierter Schwachsinn getreten ist, macht den öffentlichen Diskurs nicht gerade einfacher. Doch im Falle des ESC geht es um etwas ganz anderes: Sie propfen mittlerweile auf alles das Putin-Argument – und das funktioniert einfach nicht.

Da singt also die blonde Russin Helene Fisc… äh Polina Gagarina, übrigens eine Enkelin von Juri Gargarin, ein Lied über Frieden. Gut, dass mag jetzt manch Wessi überfordern, der mag es ja lieber, wenn erst einmal ganz zurückhaltend von ein „bisschen Frieden“ geträllert wird. Übrigens während unser Außenminister davon spricht, dass Zurückhalten nicht Heraushalten bedeuten dürfe, dafür sei Deutschland zu groß und seine Verteidigungsministerin mitzuteilen weiß, dass man derzeit mit Hochdruck an der Aufrüstung der Bundeswehr arbeite. Aber ich habe mir dann doch mal das Video angeguckt, ob da irgendwo auf der Bühne ein Putin ist oder ob er sich vielleicht nur als Polina verkleidet hat. Ich konnte nichts finden.

 

Falsch, falsch und falsch

Die Kritik an Putin bestimmt mittlerweile alles, was aus Russland kommt. Es ist greifbare Wut, die aus den journalistischen Webstuben zu uns weht und die alles dominiert. Und das ist aus drei Gründen falsch: 1. Russland besteht aus mehr als nur Putin und er hat gar nicht den großen Einfluss, der ihm zugeschrieben wird. 2. Es gibt genug an Putin, seiner Regierung und seiner Politik zu kritisieren und das sollte man im Fokus haben. 3. Wenn man die Kritik aber inflationär auf alles aus Russland Kommende überträgt, verliert sie ihre Wirkung.

Zu 1.: Russland ist praktisch nicht zu regieren. Das stimmt auch heute noch. Auf die Diktatur der Parteibonzen folge die Diktatur der Oligarchen. Oftmals ohne personellen Wechsel. Wer unter ihnen Präsident ist, ist ihnen egal. Hauptsache er handelt in ihrem Sinne. Wer dieses große Reich einigermaßen lenken will, der muss eine Vielzahl an Interessen bündeln. Mittlerweile ist Russland Oligarchenkapitalismus pur und handelt auch genau nach diesen Interessen. Das gilt eben auch für seinen Präsidenten. Allerdings gilt das fast genauso für seinen Amtsbruder in Washington. Hier kämpfen nur noch Multimillionäre untereinander um die Staatsführung und Wall Street regiert spätestens seit den 80ern in persona aus den verschiedenen Ministerien. Auch hier würde eine bloße Kritik an Obama viel zu kurz greifen.

Zu 2.: In Russland herrscht ein autoritäres Regime. Die Gesetze vom Wochenende zu den NGOs sind nicht hinnehmbar! Auch die Politik gegenüber Andersdenkenden und Andersliebenden ist inakzeptabel! Ebenso war es nicht nur die EU, welche der Ukraine die Pistole auf die Brust setzte, auch Russland verlangte ein klares Bekenntnis und trug somit unmittelbar zur Krise bei. Die Unterdrückung kritischer Berichterstattung und den Mist von RT-Deutschland braucht niemand! Aber auch hier lohnt sich der Weitblick: Wer das kritisiert, muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die deutschen Medien in den Händen von SPD, CDU und einem halben Dutzend Familienunternehmen sind. Dass man hier eben nicht gegen G7 demonstrieren darf und sei es wegen Wetter. Das Tarifeinheitsgesetz ist ein weiteres verfassungswidriges Gesetz einer von immer weniger Menschen gewählten Regierung. Doppelte Standards tragen nicht zu einem ehrlichen Diskurs bei.

Zu 3.: Zu behaupten, alles aus Russland sei Putin und somit böse, löst noch im allerletzten Kritiker Ablehnung aus. Aus keinem Land der Welt kommt nur Schlechtes. Wenn man aber den gegenteiligen Eindruck vermittelt, muss man sich nicht wundern, wenn die nächste angebrachte Kritik, wie etwa die Gesetze am Wochenende, dann als Lügenpresse abgetan wird. Gerade Kultur ist ein wichtiges Instrument der Völkerverständigung und sollte eben genau deshalb nicht diskreditiert werden. Mögen sich die politischen Akteure uneinig sein, kann Kultur dazu beitragen, dass man sich auf individueller Ebene begegnet und anfängt zu verstehen. Nicht wenige Male waren so Völker ihren Herrschenden um Vieles voraus. Umgekehrt brauchen Politiker für eine dringende – bei Palme, wie auch jetzt – Entspannungspolitik eine Bevölkerung, die eben nicht mit dem Messer im Munde vor Wut schäumt.

 

Der Missbrauch der Putin-Kritik macht die dringend notwenige Debatte unmöglich und erhebt am Ende Putin selbst auf einen Götzen, der ihm gar nicht zusteht. Die Probleme heißen weltweit Kapitalismus, Überwachung und daraus resultierende undemokratische Zustände. Denn im Kern sind sich darin die Herrschenden der USA, der EU und Russland einig. Die wichtige Debatte um Alternativen wird personalisiert und somit auf die unwichtigste Ebene verlagert. Wir müssen uns aber vielmehr einig darüber werden, was aus den Missständen unserer Zeit einmal werden soll. Wir brauchen keine blinde Wut auf die Obamas, Junckers oder Merkels. Und wir brauchen sie auch nicht bei Putin. Wir brauchen die Wut auf das System, aus dessen Zorn wir die Kraft gewinnen, uns für eine Alternative zu engagieren. Und vielleicht zurückhaltend ein „bisschen mehr Frieden“. Wäre das ein Kompromiss?


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