#Sonntagsgedanken: Fight the Game!
Große Aufregung in dieser Woche in Hoppegarten: Eine Kundgebung vor der neuen Europazentrale von Clinton. Schnell wurden erste Boykottrufe laut. Unser Autor hat dafür nur wenig Verständnis und fordert stattdessen: Helfen wir Clinton, ein soziales Unternehmen sein zu können.
Große Aufregung in dieser Woche in Hoppegarten: Eine Kundgebung vor der neuen Europazentrale von Clinton. Schnell wurden erste Boykottrufe laut. Unser Autor hat dafür nur wenig Verständnis und fordert stattdessen: Helfen wir Clinton, ein soziales Unternehmen sein zu können.
Das ist nicht Berlin. Das ist Brandenburg. Diese Aussage stand auf dem ersten Großflächenplakat der LINKEN im vergangenen Landtagswahlkampf. Jedoch hat fast keiner Verstanden, was wir damit meinten. Ich auch nicht, zugegeben. Aber wann immer ich eine politische Kundgebung sehe, denke ich mir genau das: Moment, das ist hier doch nicht Berlin, das ist Brandenburg!
Das bekannte Spiel
Dass sich dieser Tage viele Menschen für den freien Zugang zur Neuenhagener Trainierbahn engagieren, ist verständlich. Allerdings gab es da noch so einen Vorfall: Vor der Firma Clinton in Hoppegarten versammelte sich eine kleinere Traube Menschen. Auf Transparenten war zu lesen „Ausgesaugt und weggeworfen“, von einem „schmutzigen Spiel“ war zu lesen. Auf einen Artikel der MOZ schrieb dann auch einer: „Ist mal interessant, was das "Vorzeigeunternehmen" so veranstaltet. Da sollte man sich gut überlegen, ob man mit den Camp David Klamotten weiterhin Reklame für Clinton läuft. Ich jedenfalls nicht mehr!“
Harter Tobak, was war passiert? Offenkundig stammten die Damen und Herren aus Hessen von der Hanauer Firma „J. Philipp“. Erst 2013 wurden sie von Clinton aufgekauft, aus Branchenkreisen wurde eine Erweiterung in der Konfektionskompetenz zur Begründung angegeben. Und nun setzt wohl das Finanzspiel bekannter Couleur ein: Die Firma geht an ein Liquidationsunternehmen, das Know-How wird behalten, wer weiter arbeiten möchte, muss nach Hoppegarten umziehen.
Krieg der Branche
Nun kennen wir solche Meldungen und der Unmut der Belegschaft ist mehr als nur nachvollziehbar. Man sollte aber nicht zu schnell schießen mit der Kritik an Clinton. Aus sozialer Sicht handelt die Firma unverantwortlich. Aus wirtschaftlicher Sicht vorbildlich. Und wir wissen, was im Kapitalismus zählt. Wenn man also nicht will, dass Clinton pleitegeht und alle Arbeitsplätze verloren gehen, hilft nicht der Boykott, sondern wenn überhaupt eine andere Wirtschaftsordnung.
Die Textilbranche ist ein Krieg um jeden Cent. Der Prozess zur Herstellung wird verteilt auf die ganze Welt, wo immer man am Preis drehen kann, zieht es die Karawane hin. Die Arbeitsbedingungen vor allem im asiatischen Raum, aber bspw. auch in der europäischen Textilhochburg Türkei, sind hinlänglich dokumentiert, wie auch kürzlich norwegische Mode-Bloggerinnen erfahren mussten. Die Qualität von Kleidung nimmt dramatisch ab. Der spektakuläre Aufstieg von Primark droht nun der ganzen Branche einzuheizen. Das Motto dieser Tage lautet: Kostet das Shirt keine 10€, darf es auch nach einem Sommer in den Müll. Die zunehmend verarmte Wegwerfgesellschaft schlägt nun auch hier volle Kanne zu, wo es einst um wie kaum in einem anderen Bereich um Belastbarkeit ging.
Der Clinton-Weg
Clinton geht hier durchaus einen anderen Weg. Die im Juni zu eröffnende Europazentrale in Hoppegarten hat auch viele Räume zur Herstellung. Es gibt auch hier Zulieferung aus dem Ausland, aber es beschränkt sich in der Zentrale eben auch nicht nur auf das Verpacken. Clinton ist auch nicht billig, was sich damit ebenso erklären lässt. Wer dem Stil von Camp David angetan ist, dem mangelt es durchaus nicht an Selbstbewusstsein – und auch nicht wirklich am Kleingedruckten. Aber um nicht vollkommen unterzugehen, gehört das Befolgen der Spielregeln des Kapitals eben leider dazu.
Dass Menschen dabei in Folge von Umstrukturierungen verschoben werden, als wären sie Schachfiguren, sollte auch nicht überraschen. Hat man sich in Deutschland noch auf das Wort „Personalabteilung“ geeinigt, ist man im Englischen ehrlicher: „Human Resource Management“ heißt es hier, Verwaltung der Ressource Mensch. Der Mensch ist Teil des Produkts, wie der Stoff. Und ebenso flexibel und biegbar muss es sein, damit am Ende eine wertvolle Marke entsteht.
Schluss mit Romantik
Es gibt unter Linken einen Leitspruch: Fight the Game, not the Player – Bekämpfe das Spiel und nicht den Spieler. Das Spiel Kapitalismus will von zu vielen Menschen weitergespielt werden und Aufhören wird es erst, wenn eine Mehrheit es nicht mehr will. Das soll keine Entschuldigung sein, aber um deutlich zu werden: Mit dem romantischen Gedanken, durch den Boykott eines Einzelunternehmens könnte man seinen privaten Beitrag zur Gerechtigkeit leisten, rettet sich die linke Szene erfolglos nun schon im fast fünfzigsten Jahr nach den 68ern. Das Ergebnis: 2014 wurde so viel konsumiert, wie noch nie in Deutschland seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Man kann die Spieler nicht besiegen.
Clinton spielt mit beim Spiel Kapitalismus, weil es erfolgreich sein will. Es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass es Regeln eines anderen Spiels nicht ebenso bereitwillig befolgen würde. Aber im Kapitalismus nach eigenen Regeln zu agieren, führt nur zu einem: Dem Scheitern. Man kann Clinton das Scheitern wünschen. Wem damit aber geholfen sein soll, ist mir schleierhaft. Ein Sieg über einen Spieler kann niemals über die Niederlage über das Spiel hinwegtrösten. Das braucht man sich nicht mal einreden!
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