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Sven Kindervater

#Sonntagsgedanken: Egos am Verhandlungstisch

Die Verhandlungen rund um das iranische Atomprogramm brachten nach vielen Jahrzehnten endliche erste Ergebnisse. Doch was hindert eigentlich Regierungen, nicht schneller zu Ergebnissen zu kommen? Unser Autor geht den Rahmenbedingungen auf die Spur und stellt dabei fest: Uns steht ein grundsätzlicher Denkfehler im Weg.

Die Verhandlungen rund um das iranische Atomprogramm brachten nach vielen Jahrzehnten endliche erste Ergebnisse. Doch was hindert eigentlich Regierungen, nicht schneller zu Ergebnissen zu kommen? Unser Autor geht den Rahmenbedingungen auf die Spur und stellt dabei fest: Uns steht ein grundsätzlicher Denkfehler im Weg.

 

Ob Verhandlungen wichtig sind oder nicht, scheint man daran zu erkennen, dass sie bis spät in die Nacht gehen. In einer Zeit wo sich das Fernsehen mit dem Internet ein Wettrennen um Schnelligkeit liefert, erleben wir parallel dazu permanente Interviews, Analysen – und Vermutungen. Mal wird gemunkelt, wie sich die Verhandelnden leiden können, dann wird über die wirtschaftlichen Interessen spekuliert und dann erfolgen Berichte über erste Reaktionen über Berichte. Oft kommt dabei der Vorwurf auf, hier würde nur versucht, die Zeit bis zu echten Ergebnissen zu überbrücken. Doch in Wirklichkeit erleben wir genau dasselbe wie die Verhandelnden. Denn über all diese Aspekte munkelt man auch hinter den verschlossenen Türen. Leider.

 

Wahres sagen

Internationale Verhandlungen sind ein über Jahrhunderte eingespieltes diplomatisches Spiel, bei dem es feste Regeln, ja feste Rituale gibt. Die Vorstellung, hauptsächlich sitzen dort nur alle um einen Tisch und reden nacheinander, ist ein wenig so, als würde es im Fußball nur um die 90 Minuten auf dem Platz gehen. Natürlich werden dort die Tatsachen geschaffen, aber ob in Hamburg, Dortmund oder Stuttgart erlebt man dieser Tage: Läuft es nicht rund außerhalb des Platzes, kann man auf dem Platz auch nichts mehr aufholen. Neben einer guten Mannschaft braucht es vor allem ein gutes Training und einen guten Plan, aufbauend auf einer guten Analyse des Gegners. Letzteres ist mittlerweile exakt die Aufgabe der in den 1920ern entstandenen Politikwissenschaft. Man könnte auch sagen: Seit fast 100 Jahren gibt es ein professionelles Wahrsagen – mit entscheidendem Einfluss.

Dabei gibt es verschiedene „Brillen“ durch die die Wissenschaft das Geschehen betrachtet. Diese Brillen teilt man in fünf Analysestufen ein: Individuum (1), Gruppen (2), Staaten (3), Staatenbündnisse (4) und Staatengemeinschaft (5). Durch alle fünf Stufen können mögliche Optionen für die Verhandelnden abgelesen werden: Was will der individuelle Politiker (1), was will seine Partei/Wählerschaft (2), was ist im Interesse seines Staates (3), was wollen seine Vertragspartner (4) und welche Wirkung auf die Weltgemeinschaft will er haben (5). Wurde lange Zeit besonders auf (1), (3) und auf (5) wert gelegt, beschäftigt man sich seit den 70ern immer stärker mit den Punkten (2) und (4). Mithilfe dieser Studien versucht man nun herauszufinden, was das gegenüber will. Jedoch nicht ohne einen großen Denkfehler.

 

Gefangen im Dilemma

Die am meisten verbreitete Annahme ist, dass das Gegenüber das Maximum für sich herausholen will. Versinnbildlicht wird das durch das sogenannte „Gefangenendilemma“ – einem Planspiel, welches sehr oft im Zusammenhang mit internationalen Beziehungen genannt wird, weswegen ich es kurz erklären möchte: Zwei Gefangene werden getrennt voneinander zu einer gemeinsamen Straftat befragt. Schweigen beide, ist die Strafe gering. Gesteht einer, kommt der zur Belohnung noch besser weg, der andere aber wesentlich schlechter. Gestehen beide, kommen sie beide fast ähnlich schlecht weg. Da sie nicht miteinander reden können, stehen sie vor dem Dilemma: Wer schweigt, riskiert vom anderen verraten zu werden und die längste Strafe abzubekommen. Wer gesteht, muss dafür nicht automatisch belohnt werden. Allerdings bewirkt die Aussicht, durch Schweigen die Maximalstrafe zu riskieren. Daher muss davon ausgegangen werden, dass das Gegenüber gesteht. Und so gesteht man lieber auch. Obwohl es eine Chance auf eine geringe Strafe durch Schweigen gab, führt die Angst vor dem Geständnis des anderen zu einem Umdenken bei beiden.

Auch in der internationalen Politik herrscht dieser Grundansatz, sein Verhalten auf das abzustimmen, was das Gegenüber wahrscheinlich tun will, um das Beste für sich zu erreichen, bzw. das Schlimmste für sich zu verhindern. Lange Zeit hat man sich die Verhandlung zweier Staaten (3) als das Verhandeln um zwei klar zu analysierende Ausgangssituationen vorgestellt. Mittlerweile wird hier kritisiert, dass man dabei so tut, als seien Staaten eine „black box“, also eine schwarze Schachtel, in der alle gleich denken. Heutzutage gesteht man sich eine detailliertere Analyse ein, beobachtet Wahlen, Proteste, Umfragen und die Opposition (alles (2)). Auch gibt es (spätestens seit 1990) keine klaren internationalen Blöcke mehr (5), sondern ein komplexes Netz aus Verträgen (4). Das alles haben wir beim Atomgipfel erlebt.

 

Viel Herumeiern

Am meisten hat es mich überrascht, dass auch die USA die Verhandlungen mit dem Iran geführt haben. Ihre sehr engen Beziehungen zu Israel sind bekannt (4). Israel wiederum versucht seit Jahren Verhandlungen zu verhindern und es ist nicht von ungefähr, dass Netanjahu dieser Tage lautstark vor den Kameras tobt. Doch tun das auch seine Wähler, die ihn gerade erst wieder im Amt bestätigt haben, was Netanjahu zum Handeln zwingt (2). Es ist allerdings auch bekannt, dass Obama seinen Amtskollegen aus Jerusalem gar nicht ausstehen kann und ihn häufig schon, etwa für die Siedlungspolitik, scharf angegangen ist (1). Es ist aber auch nicht verwunderlich, dass bei Netanjahus Pressekonferenzen auch ein John Boehner vorzufinden war, Vorsitzender des Repräsentantenhauses und Republikaner, somit erbittertster Gegner Obamas (2). Dabei haben die USA ein großes Interesse, dass es keine Atomwaffe des Iran gibt (3). Auch wollen sie nicht riskieren, dass Russland in einem besseren Licht erscheint, als sie (5).

Von was war also auszugehen? Es gab verschiedene Annahmen:
(1) Obama will Netanjahu österlich gesprochen mal ein dickes Ei ins Nest legen.
(2) Die Demokraten wollen den Republikanern keine Argumente für einen republikanischen Präsidenten ab 2016 geben.
(3) Die USA wollen eine neue Atommacht verhindern, die innenpolitisch ähnlich instabil ist/werden kann wie die Atommacht Pakistan.
(4) Die USA wollen ihren Bündnispartner Israel nicht vergraulen.
(5) Die USA wollen nicht schlechter dastehen als Russland.
Natürlich gäbe es zu jedem Punkt viele weitere Möglichkeiten. Was wiegt nun stärker?

 

Infos unterm Tisch

Viele erhoffen sich Antworten seitens der Medien. Der sich überschlagenden Berichterstattung sollte man daher auch nicht vorwerfen, dass sie über all dies spricht. Allerdings macht sie einen entscheidenden Fehler: Sie vermengt das Ganze und unterlässt eine Gewichtung. Man bedient sich der verschiedenen Analysen und brabbelt sie im Laufe der Sendungen einfach runter, je nachdem, wie lange ein Bericht oder eine Live-Schaltung werden soll. Doch das wirkt nur auf den ersten Blick harmlos. Denn mittlerweile sitzen die Medien ungewollt mit am Tisch. Und Tische spielen eine ganz besondere Rolle.

Wenn man von Verhandlungen spricht, dann wird heutzutage gerne auf das Verhältnis der „zwei Tische“ geschaut. An dem einen Tisch sitzen die Verhandelnden und zwar in Form von Individuen (1). Allerdings sitzen ihnen immer andere im Nacken, sozusagen am zweiten Tisch (2), (4). Dieser versucht nun seine Interessen mit an den ersten Tisch zu bekommen. Meist geschieht das dadurch, dass er signalisiert, wie er auf ein Verhalten am ersten Tisch reagieren würde. Auch andere Partner des ersten Tisch wenden sich mitunter an den zweiten Tisch, wenn man im direkten Gespräch nicht weiterkommt. Die Medien sind Nutznießende dieses Prozesses. Bekommt man Politiker immer seltener zu klaren Aussagen, sind Verhandlungen die Zeit, wo scharf geschossen wird. So hat Russland erklären lassen, dass die Gespräche mit dem Iran zu einem guten Ergebnis geführt haben und als die USA das dementierten, standen sie auf einmal als die Blockierer da und somit enorm unter Druck (5). Dass Medien nicht objektiv sind (sein können!), ist bekannt. Sie sind aber auch keine subjektiven Beobachter, sondern mal Sprachrohr der einen Seite, mal Anheizer auf der anderen. Jeder Medienbericht rund um Verhandlungen, selbst wenn er noch so analysieren daherkommt, sollte also immer hinterfragt werden.

 

Gefühlte Rationalität

Wenn die Medien also die Antworten nicht liefern, bleibt die Frage: Was hat nun den größten Einfluss? Auch hier hat die Politikwissenschaft zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen: Die rationale Handlung und die emotionale Handlung. Während die einen argumentieren, dass am Ende Fakten immer eine Handlung erzwingen, predigen die anderen die Macht der Stimmungslage der Verantwortlichen. War es also egal, ob François Hollande oder Ségolène Royal Präsident wurde, da beide nur Vertreter der Interessen ihres Landes und ihrer Partei sind? Oder kommt es vor allem auf die Akteure an, nachrangig zu ihrer politischen Umgebung? Nun, offenkundig liegt die Wahrheit irgendwie dazwischen.

Schon in früheren #Sonntagsgedanken habe ich ausgeführt, warum ich der Meinung bin, dass das Bewusstsein dem Unterbewusstsein permanent hinterherrennt. Das kann man auch hier übertragen: Alles was war und was ist, wird durch unser Unterbewusstsein aufgenommen und verarbeitet. Es hat damit unmittelbar Einfluss auf unsere Entscheidungen. Allerdings bleibt der Mensch ein Mensch, wir sind eben keine austauschbaren Roboter, sondern handeln am Ende immer individuell. Sonst würden Wahlen auch gar keinen Sinn mehr machen. Es stimmt also, dass wir emotional handeln, aber beruhend auf rationelle Fakten.

 

Geteilte Meinung

Die moderne Forschung ist aber noch weiter: Sie widerlegt den Zwang, dass jeder nur seine eigenen Interessen im Sinn hat. In einer Studie hat man zwei Personen zehn Euro gegeben. Der eine hat festgelegt, wieviel davon jeder bekommt. Der andere musste dem zustimmen, sonst bekam keiner was. Wenn der eine nun für sich 9,99€ beansprucht, kann der andere 0,01€ haben oder nicht haben. Das verblüffende: Keiner ist darauf eingegangen. Ein Ergebnis muss auch vom anderen als fair empfunden werden. Viele haben sich je 5€ geteilt, die meisten haben ein Verhältnis zwischen 7:3 bis 3:7 akzeptiert. Nun kam aber der Vorwurf, dass das nur wohlhabende, zumeist männliche, westliche Europäer waren. Man hat den Test aber global gemacht, mit Frauen, Kindern, Armen, Reichen, Asiaten, Lateinamerikanern, Naturvölkern, etc. Das Ergebnis: Der weiße Westeuropäer war noch am ehesten egoistisch. Im Pazifikraum galt es sogar als Schande, mehr für sich zu behalten, da man ansonsten in der Schuld des anderen gestanden hätte.

Der Wunsch nach Empathie ist auch durch viele weitere Beispiele wissenschaftlich nachgewiesen. Auch der schmerzhaft vermisste Frank Schirrmacher hat in seinem letzten Werk „Ego“ fehlendes Wissen um das Bedürfnis nach Empathie als eines der Grundübel unserer Zeit ausgemacht. Man kann mittlerweile sogar die Region im Hirn bestimmen, die im Falle von Empathie anspringt.* Allerdings findet sie auf der großen politischen Bühne nicht statt. In der Berichterstattung kommt sie wenn überhaupt nur negativ vor.

 

Eine alte Lösung

Mitgefühl, Verständnis, Einsicht, Rücksicht werden auf dem internationalen Parkett als Schwäche angesehen. Hat sich Merkel auf einem Kongress durchgesetzt, wird sie als führungsstark gefeiert und als echte Europäerin. Dass ihre Politik Europa immer mehr zerstört, weil immer weniger mit der EU etwas Positives verbinden, wird unterschlagen. Wenn Putin seine Interessen knallhart durchsetzen will, wird er als Bedrohung wahrgenommen. Dass Russland in den letzten Jahrzehnten wie kein zweites Land Verständnis für den Westen hatte, etwa bei der Erweiterung der NATO trotz anders lautender Versprechungen, wird ignoriert.

Empathie offen zeigen zu können, bedingt Vertrauen. Die Konflikte unserer Zeit scheinen das Vertrauen komplett verspielt zu haben. Dabei sind Medien nicht unschuldig, vor allem aber ist ein grundsätzlicher Denkfehler des internationalen Parketts, dass es ein unumstößliches Gesetz wäre, immer nur an sich zu denken. Natürlich bedienen wir mit Empathie wohl auch das eigene Wohlbefinden, doch das heißt im Umkehrschluss auch, dass ohne sie kein Wohlbefinden erreicht werden kann. Es ist egoistisch, altruistisch zu sein. Das macht es aber nicht verwerflich. Sondern menschlich. Fangen wir an, wieder einander verstehen zu wollen. Und widmen wir uns wieder einer alten Losung: Der internationalen Solidarität.

 

*Sie sitzt im Übrigen u.a. in der Stirn. Falls Ihnen also mal jemand einen Vogel zeigt…


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