#Sonntagsgedanken: Die langweilige US-Politik
Kaum ein Tag, ohne dass man nicht mit den Krisen der Welt konfrontiert wird. Der Trend, medial möglichst nicht allzu lang an einem Thema zu bleiben, um die Zuschauer nicht zu langweilen und die Quote zu halten, führt dabei zu einem großem Problem: Wir verlieren den Fokus.
Kaum ein Tag, ohne dass man nicht mit den Krisen der Welt konfrontiert wird. Der Trend, medial möglichst nicht allzu lang an einem Thema zu bleiben, um die Zuschauer nicht zu langweilen und die Quote zu halten, führt dabei zu einem großem Problem: Wir verlieren den Fokus.
Til Schweiger hatte bei Sandra Maischberger unter der Woche einen denkwürdigen Auftritt. Allerdings war das weniger wegen seiner Wortwahl, auf die sich viele Medien reflexartig gestürzt hatten. Es war vielmehr das emotionale Ausbrechen aus den sorgsam zubereiteten Themenhäppchen. Gefragt, ob es reichen würde, wenn Politiker sich verbal gegen rassistische Hetze gegen Flüchtlinge aussprechen würden, setzte Schweiger zum Rundumschlag an:
"Die Amerikaner, unser Hauptverbündeter, ist für den ganzen Scheiß verantwortlich, weil sie unter ner Lüge in den Irak reingegangen sind, um konsequent ihre wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen. [...] Amerika hat den IS rummachen lassen, das war - keine Ahnung, warum sie das gemacht haben - aber Obama hat wohl letztes Jahr gesagt 'IS, das isn Haufen so kleiner; ach das sind so Milchbubis, ne'. War ne kleine Fehleinschätzung."
Das sorgte im Studio erst einmal für Schnappatmungen. Ohne jetzt weiter auf die Sendung einzugehen, sprach Schweiger hier über Fluchtursachen, über die man dieser Tage enorm wenig hört. Man kann durchaus lesen, dass es endlich Verbesserungen für Roma und Sinti in Osteuropa geben muss. Ebenso wird die Agrarsubvention der EU in Afrika infrage gestellt. Und natürlich darf Kritik an Assad oder Putin nicht fehlen, die ganz sicher mehr als nur einen Anteil an den Krisen haben. Aber es fällt auf, dass einer fehlt: die USA.
Dokumentierte Eingriffe
Vielleicht rollen auch Sie jetzt gerade mit den Augen. Das tun zumindest sehr viele, sobald man über Folgen der US-Außenpolitik reden will. Als wenn man das Thema über ist, wird über alles andere geredet, aber nicht darum. Dabei ist es schlicht und ergreifend so, dass wir eine enorme Vielzahl der internationalen Probleme vor allem den USA zu verdanken haben.
Ob Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien oder die Ukraine – überall gab es bestens dokumentierte, massive Eingriffe der USA. Mal für alle ersichtlich mit Waffengewalt, mal durch Geheimoperationen und der Ausbildung von „Oppositionellen“. Dazu die Auslösung einer weltweiten Finanzkrise und die Koordinierung der Komplettüberwachung der Weltbevölkerung. Natürlich glaubt den USA auch unlängst niemand mehr, dass sie sich für die Demokratie einsetzen.
Fehlender Diskurs
Doch was folgt daraus? Derzeit werden fleißig NATO-Truppen nach Osteuropa verlegt und Manöver an der russischen Grenze durchgeführt. Ein anderer NATO-Partner bombardiert die eigene Bevölkerung und der Westen guckt weg. Die Bundesregierung schimpft darüber, dass Putin sein Atomwaffen-Arsenal modernisieren will, schätzt die Modernisierung der US-Atomwaffen aber als „technisch notwendig“ ein. Und wer auf diese Doppelmoral hinweist, ist Anti-Amerikaner.
Ich könnte jetzt so viel mehr Beispiele bringen, aber ich würde Sie langweilen. Wir alle wissen, mit wem wir es zu tun haben. Aber wir haben uns auch an noch etwas gewöhnt: Dass es daraus keine Konsequenzen für die USA gibt. Und so wird gar nicht mehr berichtet, gar nicht mehr geredet. Haben Sie einen Talkshow, einen Leitartikel oder eine Demo in den letzten Jahren mitbekommen, wo mal einfach über die USA als Problemverursacher geredet wurde?
Aktion oder Reaktion?
Mit dieser Lustlosigkeit, die bei dem Thema vorherrscht, schaffen wir ein gefährliches Klima, dass schwerwiegende Folgen hat. Denn statt den Verursacher wenigstens noch im Hinterkopf zu haben, geht er uns vollkommen aus den Augen und somit bekanntlich aus dem Sinn. Dadurch verdrehen wir Aktion und Reaktion. Wir suchen nach Ursachen, die in Wahrheit Reaktionen sind und beschuldigen Verursacher, die sich zu Reaktionen gezwungen sahen.
Der IS ist hochgerüstet mit US-Waffen, teilweise als Beute aus dem „failed-state“ Irak, teilweise aus Zeiten, wo man sie im Westen noch „Syrische Opposition“ nannte. Der größte Unterstützer ist Saudi-Arabien, deren Geld vom Ölverkauf an den Westen kommt und deren Waffen mit Genehmigung der Bundesregierung u.a. aus Deutschland kommen. Das Ganze ist eine Neuauflage der Fehler aus der Vergangenheit, wo man bspw. die Taliban hochzüchtete. Es wiederholt sich immer wieder und wieder – und der Westen hat bis heute alles in der Hand, etwas daran zu ändern. Nur er macht es nicht. Es geht immer so weiter.
Ein leidiges Thema
Auch unter Linken (bewusst kleingeschrieben) hört man davon zunehmend weniger. Gegen die US-Politik zu sein gehört schon so sehr zum Klischee-Linken, dass manch einer versucht, sich davon loszueisen. Dabei geht es gar nicht um die Angst vor der Bezeichnung als Anti-Amerikaner, die hat noch niemanden wirklich entmutigt, es ist mehr die Angst vor dem leeren Veranstaltungssaal. Woran sich nichts ändern lässt, wer permanent ungeschoren davonkommt, bei dem wird es irgendwann normal und nicht mehr der Mühe wert.
Letztlich gibt es dann noch die, welche sich den fehlenden Diskurs als gesteuerte Kampagne der Geheimdienste erklären. Über Verschwörungstheorien und dem Versuch, es sich selber zu erklären, hatte ich ja schon einmal gesprochen. Es schlägt auch hier wieder zu. Dabei ist es vielmehr so, dass ein SPIEGEL mit dem Titel „Verursacher USA – Wie die Welt permanent in Reaktion steht“ wohl die geringste Auflage dieses Jahr haben würde. Wir wissen das alles und was wir nicht wissen, würde unser Urteil nicht verändern.
Konsequenzen müssen folgen
Es muss also nicht nur wieder stärker in den Fokus, was in Übersee passiert. Die NATO wird nicht mehr benötigt, wenn sie nur noch Bürgerkriege in der Ukraine und der Türkei produziert. Auch Fracking und TTIP machen keinen Sinn, wenn in Europa der gemeinsame Markt statt das Gegeneinander der Märkte praktiziert werden würde. Natürlich muss Russland auch dazugehören, politisch umstrittener als der große Handelspartner China sind die auch nicht. Und die Zusammenarbeit mit der NSA ist sofort einzustellen, die Totalüberwachung durch westliche Geheimdienste muss von der Bundesregierung unterbunden werden. Wir haben es in der Hand, wir müssen nur endlich mal handeln.
Weitere Artikel:
Til Schweiger: „Sie gehen mir auf den Sack!“
Sandra Maischberger | ARD
Schachmatt für Verschwörungstheorien
#Sonntagsgedanken | DIE LINKE Neuenhagen bei Berlin
Themenbereiche
Zurück zum Themenbereich mit dem Browser-Button, zur Themenseite mit dem Zurück-Button links unten
