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Sven Kindervater

#Sonntagsgedanken: Der Täter war ein 37jähriger Sozial-Benachteiligter

Bei allen Meldungen über Straftaten darf eins nie fehlen: Die Nationalität. Warum eigentlich? Unser Autor ist es leid und fordert: Wir sollten endlich sagen, worum es wirklich geht.

Bei allen Meldungen über Straftaten darf eins nie fehlen: Die Nationalität. Warum eigentlich? Unser Autor ist es leid und fordert: Wir sollten endlich sagen, worum es wirklich geht.

Ich weiß jetzt gar nicht mehr, welcher Artikel es genau war. Ständig liest man es und ich bin es leid. Und gottseidank ist Sonntag, also mal wieder etwas Zeit für ein paar Gedanken.

„Der Täter war ein 37jähriger Kroate“, „Ein 14jähriger Türke wurde festgenommen“, „Gesucht werden zwei Araber Ende 20“ – Wir alle kennen Artikel mit solchen Meldungen. Sie sind für uns vollkommen normal und werden auch kaum noch besonders wahrgenommen. Vielmehr winkt man innerlich ab und denkt sich: Kennt man, schlimm ist das, sollte man endlich was dagegen tun. Dabei bemerken wir gar nicht, wie wir komplett irren.

 

Der Gutmensch sagt: Nein!

Es fällt schon auf, was da immer genannt wird. Man sagt eben nicht, ob jemand eine Brille getragen hat, oder auf Jeans steht. Es wird nicht erwähnt, ob Gulasch das Leibgericht ist oder Handball der Lieblingssport. Auch ob jemand athletisch war oder sich die Augenbrauen zupft, erfährt man nie. Nein, man erfährt die Nationalität. Warum? Warum ist es wichtig, bei Tätern auch immer ihre Nationalität erwähnen? Ist diese ausschlaggebend? Ich sage: Nein!

Nun wird man mich einen Gutmenschen schimpfen. Ich bin gerne ein Gutmensch. Vor allem deshalb, weil mich damit immer diejenigen beschimpfen, von denen ich mich wirklich gerne distanzieren lasse. Gutmenschen würden die Wahrheit nicht wissen, die Fakten nicht sehen, die Realität nicht erkennen wollen. Dabei spricht daraus eher ein Unwille, Zusammenhänge wirklich erkennen zu wollen, mitunter ist es gelebte Intellektuellenfeindlichkeit. Es sind eben die Gutmenschen, die nicht auf die simplen Muster ihres Gehirns hereinfallen.

 

Uneigentlich haben Sie Recht

Es ist uns angeboren, aus Vorfällen Regeln abzuleiten. Wir brauchen das, damit wir bei Gefahren schnell reagieren können. Dafür muss unser Unterbewusstsein übernehmen, was ungemein schneller ist als unser Bewusstsein. Und so wollen wir möglichst aus allem Regeln für die Zukunft ableiten. Abweichungen gelten fortan wiederum als Ausnahmen. Das soll uns davor schützen, eine einmal erkannte Gefahr nicht wieder zu unterschätzen. So lernen wir aus jeder Meldung mit Nennung der Nationalität irgendwann die Regel: Migranten sind eine potentielle Gefahr. Und davon bringt uns dann keine Statistik mehr ab. Es geht um die ganz normalen Mechanismen der Angst.

Allerdings haben wir es hier mit einer Verschärfung des Problems mit der Wahrnehmung zu tun. Denn es sind ja nicht nur ein paar wenige Fälle. Beim Germanwings-Unglück war es überhaupt das erste Mal in der europäischen Luftfahrtgeschichte, dass eine Passagiermaschine mutwillig zum Absturz gebracht wurde. Trotzdem war der Vorfall so erschreckend, dass wir uns lieber merken, dass das (uns) wieder passieren könnte. Doch bei Straftaten von Migranten ist es ja eben nicht so, dass wir nur ganz selten davon hören. Wir hören es hunderte Male im Jahr. Haben wir es also nicht mit einer Regel zu tun, die uns zurecht schützt und die ihre Berechtigung hat? Nein.

 

Der Migrations(?)Hintergrund 

Deutschland hat Zuwanderung größtenteils aus der Türkei, Italien, Polen, Griechenland, Serbien, dem Kosovo und Russland (Quelle: Stat. Bundesamt; et.al.). In all diesen Ländern gibt es keine besonders hohe Kriminalitätsrate, keine auffällig brutale Kultur oder andersartige Menschen (Rassen). Was steckt also dahinter, wenn in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund auffällig oft straffällig werden? Eben genau das: Sie sind Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Und diese haben es im internationalen Vergleich besonders schwer. Ob Zugang zu Bildung, Berufswahl oder Aufstiegschancen – überall ist Deutschland regelmäßig ganz hinten wenn es um die Integration von Migranten geht. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand.

Ich sage es mal noch eine Spur deutlicher: Diese Meldungen sind rassistisch. Nichts anderes! Sie machen genau das, was Rassismus tut: Es wird suggeriert, dass Herkunft das Problem sei und schürt so nur die Angst im Unterbewusstsein. So wird dann eben nicht gefordert, endlich für mehr Chancen und Gerechtigkeit zu sorgen, sondern „Ausländer raus!“. Genau deshalb sind solche Meldungen so fatal und folgenschwer.

 

Echter German Mut

In Zukunft müsste es eigentlich heißen: „Der Täter war ein 37jähriger Sozial-Benachteiligter“, „Ein 14jähriger Schlecht-Integrierter wurde festgenommen“, „Gesucht werden zwei Jahrelang-Auf-Ein-Asylverfahren-Wartende“ – aber wer will das schon gerne hören? Das bedeutet deutsche Eigenverantwortlichkeit. Das kann man nicht so schön abschieben. Daraus lässt sich auch keine einfache Regel ableiten.

Dabei gilt es festzuhalten: Soziale Benachteiligung, schlechte Integration und misslungene Asylverfahren müssen nicht zwangsläufig zu Straftaten führen. Aber es sind ohne Zweifel Ursachen. Nationen wiederum sind es nie. Denn wer stattdessen will, dass weiterhin die Nationalität genannt wird anstelle des sozialen Hintergrunds, der wehrt sich vielmehr dagegen, den eigenen Irrglauben abzulegen. Mit Sprache fängt alles an. Doch zu sagen, was ist, scheint noch immer die revolutionärste Tat zu sein.


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