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Sven Kindervater

#Sonntagsgedanken: Björn ist in der Schule besser als er aussieht

Die Sprengung der Neuenhagener Fahrkartenautomaten hat die Debatte um Kriminalität in der Region neu angefacht. Dabei helfen beschwichtigende Aussagen aus der Politik nicht weiter. Antworten geben sich die Bürger eh, nur sind die mitunter nicht viel besser.

Die Sprengung der Neuenhagener Fahrkartenautomaten hat die Debatte um Kriminalität in der Region neu angefacht. Dabei helfen beschwichtigende Aussagen aus der Politik nicht weiter. Antworten geben sich die Bürger eh, nur sind die mitunter nicht viel besser. 

 

„Die Kriminalität ist geringer als gefühlt.“ So kann man das gerade auf der Internetseite des auch in Neuenhagen direkt gewählten Landtagsabgeordneten Jörg Vogelsänger lesen. Das ist eine Aussage, die in etwa einen Gehalt hat wie „Der Bus kommt häufiger als man denkt.“, oder „Björn ist in der Schule besser als er aussieht.“ Es scheint die letzte verbliebene Voraussetzung für den Beruf des Politikers zu sein, solche Sätze kreieren zu können. Ob er die sich selbst einredet, um überhaupt noch in den Spiegel zu gucken, weiß ich nicht. Was wir alle wissen: Am Arsch ist am Arsch. Da sollte man nicht den gegenteiligen Eindruck vermitteln. Denn das macht es zumeist noch schlimmer.

 

Wechselnde Täter

Wenn jemand geht, dann ja gerne auch mal mit einem deftigen Knall. Allerdings gilt das wohl nicht für Fahrkartenautomaten. In der vergangenen Woche wurden zwei von ihnen in Neuenhagen gesprengt und anschließend erst einmal abgebaut. Anscheinend ging es darum, an das Geld im Inneren zu kommen und das hat wohl auch geklappt. Lediglich ein „dringend Tatverdächtiger“ 46jähriger wurde gefasst. So viel zu den bisher bekannten Fakten. Allerdings wissen so manche schon mehr. Sie glauben es zumindest.

Das waren diese Jugendlichen, die immer am Bahnhof rumlungern oder die aus der Blaupause. Das waren die Asylbewerber aus Hoppegarten. Das waren die Linken, wie schon in Frankfurt am Main. Das waren die Polen, seitdem die Grenzen offen sind. Das waren die Rumänen, seitdem die in der EU sind. Das waren auf jeden Fall Migranten, die machen ja immer Straftaten. Immer im Wechsel je nach aktueller politischer Debatte kann man nach jeder Straftat auch bei uns im Ort hören, wer wohl dahintersteckt. Dass das wenig mit der Realität zu tun haben kann, dürfte klar sein. Aber niemanden in Neuenhagen hat es gehindert, das zu sagen. Und vom Gegenteil ist häufig niemand zu überzeugen.

 

Unbeeindrucktes Weltbild

Wenn Politiker schweigen oder beschönigen, dann können sie damit den Wunsch nach Antworten nicht unterdrücken. Vielmehr provozieren sie das „es-sich-selbst-erklären“. Nun wäre das ja nicht weiter schlimm, das Falsche kann ja durch das Richtige korrigiert werden. Doch genau das passiert dann eher selten. All die oben genannten Gruppen haben eins gemein: Wir alle haben ein bestimmtes Bild von ihnen. Ein Vorurteil. Das brauchen wir auch, um uns bei Gefahren zu schützen. Wir brauchen noch viel mehr, dass wir diese Vorurteile nicht sofort bei nur wenigen Abweichungen ablegen. Damit das wirklich passiert, muss unser Weltbild viel deutlicher ins Schwanken kommen. Doch dagegen wehren wir uns.

Wer auch immer als Täter ausgemacht werden wird, das Bild von unseren Gruppen wird bleiben. Es ist paradox: Durch Vorfälle wie vergangene Woche fühlen wir uns noch mehr in unseren Bildern bestätigt. Egal, was tatsächlich geschehen ist. Es passieren nämlich zwei unabhängige Prozesse: Erst wird das Vorurteil bedient. Und wenn dann irgendwann die Tatsachen bekannt werden, dann heften wir das beim Vorfall selbst ab und nicht beim Vorurteil. Wer glaubt, dass das die Jugendlichen aus der Blaupause waren, der fühlt sich jetzt bestätigt. Waren es dann doch andere, empfinden wir das nicht als Gegenargument, weil ein anderer Teil unseres Gehirns übernimmt. Das passiert unterbewusst, was eins klarstellt: Wir können uns nur bewusst dagegen wehren.

 

Bewusst Verantwortungsvoll

Wenn die Politik keine Antworten gibt oder gar so tut, als würden wir uns Kriminalität nur einbilden, führen die eigenen Antworten dazu, dass wir an unserem Weltbild festhalten. Und das kann dann mitunter genauso falsch und genauso gefährlich sein wie schweigende oder schönredende Politiker. In beiden Fällen brauchen wir aktives Handeln. Und ein bewusstes Wehren.


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