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Mein langer Weg zur Zufluchtsstätte nach Hoppegarten

Katharina Köllner schrieb diesen Bericht nach ihrem Interview mit

Hosam Shakha Shiroo, geboren am 18. Februar 1983 in Damaskus, Syrien.

Katharina Köllner schrieb diesen Bericht nach ihrem Interview mit Hosam Shakha Shiroo, geboren am 18. Februar 1983 in Damaskus, Syrien

 

Bevor der Krieg in meinem Land begann, hatten meine Frau Sara ich und ein kleines Haus in Daraya in einem der Außenbezirke von Damaskus. Ich hatte 7 ½ Jahre lang einen Job als Leiter des Warenlagers einer internationalen Autofirma in Harasta, einem Vorort von Damaskus. Dort habe ich 16 Stunden am Tag gearbeitet, um meiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Ich erinnere mich noch heute an die meisten der tausenden von Warennummern der Autoersatzteile.

 

Als die Freie Syrische Armee (FSA) versuchte, Damaskus einzunehmen und die von Al-Assad geführte Regierung die Nationale Armee mit ihren Panzern schickte, um die Rebellen zurückzuschlagen, begann unsere lange Flucht. Das war 2012. Ein Damaszener Vorstadtteil nach dem anderen wurde von den Rebellen eingenommen.

 

Als die FSA in Daraya eindrang, verloren wir unser Haus. Die Kämpfe hielten die ganze Nacht lang an. Wir konnten alle paar Sekunden die Explosionen der Panzergeschütze hören. Am Morgen waren sowohl die Panzer als auch die Rebellen fort. Die ganze Umgebung war völlig zerstört. Wir zogen in das Haus unserer Eltern in einen anderen Teil von Damaskus, wo wir ein weiteres Jahr leben konnten.

 

Ende 2013 erreichten die Kämpfe Harasta, wo sich mein Arbeitsplatz in der Autofirma befand. Trotz der Unruhen ganz in der Nähe ging ich noch immer jeden Tag arbeiten. In Syrien gibt es kein Sozialversicherungssystem.

 

Eines Tages wurden die Wände meines Arbeitsplatzes zertrümmert. Unser Lagerhaus war von einem Zweig der FSA, den wir Jabhat al-Nusra nennen, beschossen worden. Meine Kollegen und ich waren mitten in das Gefacht geraten. Wir rannten um unser Leben. Überall wurde wahllos auf Menschen geschossen. Viele Zivilisten starben an diesem Tag. Ich musste am eigenen Leib erfahren, wie wertlos ein Menschenleben geworden war.

 

Danach konnte ich noch ein halbes Jahr lang in einer anderen Zweigstelle meiner Firma arbeiten, doch unser Land zerfiel mehr und mehr. Schließlich konnte ich keine Arbeit mehr finden. Damit war uns die Lebensgrundlage entzogen. Außerdem wurden alle Menschen mit Papieren aus den Damaszener Vororten als Rebellen verdächtigt. Jedes Mal, wenn wir der Nationalen Armee begegneten, mussten wir befürchten, auf der Stelle und ohne Weiteres erschossen zu werden. Ich fürchtete um mein Leben und das Leben meiner Frau, meines kleinen Sohnes und meiner neugeborenen Tochter. So beschlossen wir, das Land zu verlassen. Als einigermaßen sicherer Fluchtweg kam für uns nur die Reise mit einem Passagierschiff von Tartus in Syrien nach Mersin in der Türkei in Frage. Dann musste ich meine Frau und meine beiden Kinder in der Türkei zurück lassen, denn die Reise nach Griechenland war zu teuer für uns alle und auch viel zu gefährlich für meine junge Frau und meine zwei kleinen Kinder.

 

Ich habe 1500 Euro gezahlt, um nachts zusammen mit einer kleinen Gruppe von anderen Flüchtlingen in einem Schlauchboot  durch die raue See des Mittelmeers gebracht zu werden. Wir hatten von den Schicksalen anderer Flüchtlinge gehört, bei welchen von der Grenzpolizei Griechenlands auf die Schlauchboote geschossen wurde oder die Boote mit Messern aufgeschlitzt wurden. Viele Menschen ertranken, nur wenige konnten durch die Rettungsboote des Roten Kreuzes gerettet werden. Ich hatte große Angst, doch glücklicherweise überlebte ich diese gefährliche Reise.

 

Dann wurde es für mich etwas einfacher, denn ich konnte mit dem Flugzeug von Athen nach Berlin reisen. Von meinen neuen syrischen Freunden hier in Hoppegarten habe ich gehört, dass einige sogar den langen Weg zu Fuß durch mehrere Länder gelaufen sind.

 

Als ich in Berlin ankam, meldete ich mich dem ersten Polizeirevier, das ich finden konnte, obwohl ich Angst davor hatte. Ich habe viele Gerüchte darüber gehört, welche unangenehmen Maßnahmen ich über mich ergehen lassen müsste. Aber ich habe festgestellt, dass die Polizisten sehr freundlich waren und mich mit großem Respekt behandelt haben. Sie haben mir alle Schritte des Verfahrens erklärt und sich für die Durchsuchung entschuldigt, für die Fingerabdrücke und die vielen Fotos, die sie aufnehmen mussten. Sie haben sich auch dafür entschuldigt, dass ich die Nacht in einer Zelle verbringen musste.

 

Doch schon am nächsten Tag war ich wieder frei. Ich wurde zur Ausländerbehörde geschickt, von wo ich dann an die Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt verwiesen wurde. Die war überfüllt. Viele Menschen mussten in einer Turnhalle untergebracht werden. Aber ich hatte Glück und bekam ein Bett in einem Zweibettzimmer zugewiesen. Ich brauchte nur 20 Tage in Eisenhüttentstadt zu verbringen, dann wurde ich in die Gemeinschaftunterkunft in Hoppegarten geschickt. Ich finde, es ist ein sehr guter Ort. Seit ich hier angekommen bin, bin ich vielen freundlichen und respektvollen Leuten begegnet. Wir haben die Möglichkeit, im Haus der Generationen Deutsch zu lernen. Die Gegend ist ruhig, aber gleichzeitig ist Berlin sehr nah.

 

Dass Einzige, das ich vermisse, sind bessere Informationen von den Behörden, z.B. darüber, wie lange es noch dauert, bis ich meine Aufenthaltserlaubnis bekomme. Ich möchte arbeiten gehen, damit ich genug Geld verdienen kann, um meine Frau und meine Kinder in der Türkei zu unterstützen, denn die Unterbringung dort ist sehr teuer. Schlussendlich möchte ich sie nach Deutschland holen, so dass ich meine kleinen Kinder hier in Frieden aufwachsen sehen kann.

 

Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe der Ansichten-Aussichten.


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