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Rückkehr des Krieges

Auch wenn Erinnerungen verblassen, das Kriegsgeschehen hat sich unauslöschlich in das Bewusstsein all jener eingeprägt, die die Jahre 1939 bis 1945 mit ihrer Not, Zerstörung und Menschenvernichtung erlebten.

Auch wenn Erinnerungen verblassen, das Kriegsgeschehen hat sich unauslöschlich in das Bewusstsein all jener eingeprägt, die die Jahre 1939 bis 1945 mit ihrer Not, Zerstörung und Menschenvernichtung erlebten. Gemessen an dem, was an Verbrechen der deutschen Truppen - gleich welcher Art - während des Feldzuges gegen die Sowjetunion verübt wurde und die Herzen der sowjetischen Soldaten mit Hass- und Rachegefühlen erfüllen musste, ist Neuenhagen noch glimpflich davon gekommen.
Bei denen, die ahnten und von dem wussten, was sich in der Sowjetunion abgespielt hatte, wuchs, je näher die Front heranrückte, die Sorge: Gnade uns Gott, wenn sie Vergeltung üben. So auch bei meinen Eltern, die den Einmarsch miterlebten, während ihre Söhne bereits in Kriegsgefangenschaft waren. Doch sie überstanden die bangen Tage unversehrt.
Schon Anfang April hatten die Nazi-Oberen und etliche Bürger unter Mitnahme des Feuerwehrautos und wertvoller Rennpferde den Ort verlassen. Das Rathaus war von der SS zur Sprengung vorbereitet. Es waren mutige Neuenhagener, die das und Nahkämpfe um den Ort verhinderten. So der Polizist Berla die Sprengung. Der stellvertretende Bürgermeister, Otto Schindler, schritt mit einer aus weißem Betttuch gefertigten Fahne den am 22. April 1945 aus Altlandsberg anrückenden sowjetischen Panzern entgegen, um den Willen der Bevölkerung aus zu drücken, dass sie den Ort kampflos übergeben. Im Südteil schickte der Oberstleutnant Panse, der mit einem Volkssturmaufgebot die Russen an der Frankfürter Chaussee aufhalten sollte, alle, die ganz Jungen und die Alten nach Hause.
Schäden hatte der Krieg ohnehin genug hinterlassen. Zwischen 1943 und 1945 richteten amerikanische und britische Bomberverbände schwere Zerstörungen an. Vierhundert Wohnungen waren total zerbomt oder stark beschädigt. Das verschärfte auch die Lage der Bürger, zumal in den letzten Kriegstagen noch 2000 Flüchtlinge untergebracht werden mussten.
Zunächst erfolgte am 23. und 24. April die Besetzung; in der Hoppegartener Straße 8 wurde die Kommandantur für die "Stadt Hoppegarten" eingerichtet. Dazu gehörten auch die Orte Hönow, Mehrow, Eiche und Ahrensfelde - insgesamt 22 000 Einwohner. Stadtkommandant war Oberst Sasonow.
Während die kämpfenden Truppen der 1. Bjelorussischen Front nach Berlin weiterzogen, durchkämmten die Besatzungssoldaten - immer Trupps von drei bis vier Mann - die Häuser nach versteckten Soldaten und Waffen. Es gab etliche Übergriffe, bei Widerstand - so bei Dr. Zumpe in der Eisenbahnstraße - wurde sofort geschossen. Es war Krieg. Ortsteile wie Gartenstadt mussten die zeitweilige Räumung ihrer Häuser hinnehmen, in der Neuen Schule und im Grünen Winkel wurden Lazarette eingerichtet.
Verängstigt, so berichteten später meine Eltern, harrten die meisten Bürger in ihren Wohnungen, oft auch in den Kellern aus, bis die Soldaten kamen. Die Durchsuchung dauerte nicht lange. Bald mussten Arbeitsfähige sich melden und schon Anfang Mai, also noch vor Kriegsende, wurde eine Gemeindeverwaltung gebildet und die Versorgung der Bevölkerung sowie die Aufräumungsarbeiten in Gang gebracht.


Artikel aus "Im Gespräch" 4/05

Günter Voigt